Pergamonaltar

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Prof. Dr. Dietrich Boschung, Prof. Dr. Reinhard Förtsch, Prof. Dr. Andreas Scholl

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Nach seiner ca. 3 Millionen Euro teuren Restaurierung befindet sich der Pergamonaltar heute in einem Zustand, wie er zumindest seit seiner Auffindung nicht mehr gegeben war. Sein Erscheinungsbild war bald von Ergänzungen und Verunklärungen durch über die Jahrzehnte zunehmenden Staubniederschlag gekennzeichnet. Demgegenüber ist die Oberfläche jetzt in einer Frische zu sehen, die interessierte Museumsbesucher wie Fachleute immer wieder beeindruckt. Daher wurde der gesamte Fries in mehreren Durchgängen mit Gesamtansichten fotografisch dokumentiert, was durch Detailaufnahmen der Köpfe fortgesetzt wird. Um dem Monument in Lehre und Forschung eine seinem neugewonnenen Zustand angemessene Sichtbarkeit zu verleihen, soll mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung ein Bildbrowser erstellt werden, der das Konzept des sehr häufig benutzten Ara Pacis Browsers in ARACHNE fortschreibt.


Der Pergamonaltar zählt für die Klassische Archäologie zu einer sehr kleinen Gruppe von herausragenden Monumenten, zu der etwa auch die Ara Pacis in Rom oder der Fries des Parthenon von der Athenischen Akropolis gehören. Wenn auch in der Antike weniger berühmt, so spielt der große Fries des Altars für Erforschung und Verständnis der hellenistischen Epoche die Rolle eines zentralen Monumentes. Die Attaliden demonstrieren und rechtfertigen ihre Herrschaft im westlichen Kleinasien als kulturbringende und -bewahrende Ordnungsmacht mit dem Thema der überwindung der Giganten durch die olympischen Götter. Diese machtpolitische Aussage wird kulturell untermauert durch ein regelrechtes Kompendium von Figuren aus der griechischen Götter- und Gigantenwelt. Auf der Länge des Frieses waren, in mehr als 180 Figuren, neben den zentralen Olympiern auch die entlegensten und kaum je dargestellten Figuren in selten erreichter Vollständigkeit versammelt. Dass dabei viele Regeln antiker Ikonographie nicht greifen, eben weil zahlreiche Figuren keine dichte überlieferung besaßen, führt in den semantischen "Randbereichen" des Götter- und Gigantenaufgebotes zu hermeneutischen Schwierigkeiten bei der Erkennbarkeit des Gemeinten. Diesem Widerspruch zwischen Vollständigkeit und Unklarheit wurde durch das übergreifende Konzept von inhaltlichen bis kosmischen Kategorisierungen begegnet. Der kleinere und stilistisch weniger pathetische Telephosfries dagegen will mit der mythologischen Gründungsgeschichte des Griechentums in der geographischen Region Pergamons einen konkreter verstandenen Anfangspunkt reklamieren. Damit zeigen die pergamenischen Herrscher, die auch frühe Beispiele von Klassizimus und Musealisierung bieten, ihren souveränen Umgang mit der überkommenen griechische Kultur in all ihren Aspekten, die hier gebündelt und resümmiert werden. Zudem ist der Pergamonaltar, gerade angesichts der ungewöhnlich stark zertrümmerten und disparaten überlieferung hellenistischer Monumente, ein Markstein antiker Stilgeschichte - mit allen Wirkungen und Nebenwirkungen für die Herleitung bestimmter Aspekte spätrepublikanischer bis frühkaiserzeitlicher Formensprache als "pergamenisch", eben weil ein solcher erhaltener Bezugspunkt inmitten vieler untergegangener hellenistischer Kunstzentren in seiner konkreten Folgewirkung die Gefahr der übermäßigen Zuspitzung birgt - eine Diskussion, die sich zuweilen bis in die Gestalt eines pergamenischen Bildhauers Phyromachos fortsetzte. Nichtsdestotrotz steht der Pergamonaltar sicherlich für das höchste Niveau, das hellenistische wie antike Kunst realisieren konnte.


Um die genannten Grundlinien der Erforschung des Pergamonaltars in funktionaler, ikonographischer und stilgeschichtlicher Hinsicht an seinem neugewonnenen Zustand zu messen und diesen stärker ins Bewußtsein zu heben, wurden an den Archäologischen Instituten in Köln (Prof. Dr. D. Boschung, Prof. Dr. R. Förtsch) und Berlin (FU, PD. Dr. Andreas Scholl) im Wintersemester 2006/07 Lehrveranstaltungen durchgeführt und zu weiteren Bearbeitungen von Einzelthemen angeregt. Ein internetbasierter Bildbrowser, der die bereits vorhandenen und sukzessive hinzukommenden Fotos des neuen Zustandes aufnimmt und leicht bedienbar zugänglich macht, soll als visuelles Arbeitsinstrument dieser Veranstaltungen und weiterer Forschungen dienen. Seine Programmierung wie auch die Bildokumentation selber wurden als Eigenleistungen eingebracht.