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2389: Porträtkopf des Constantius Chlorus

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Porträtkopf des Constantius Chlorus

Inventory number:

Sk 1663

Author:

Semra Mägele

Provenience:

Rom; 1909 im Kunsthandel vom Antiquar Barsanti für 4500 ital. Lira erworben (Inventar der Skulpturen II, S. 98 Nr. 1663).

Measurements:

H. 38 cm; H. Kinn – Scheitel 24,5 cm; B. 22 cm; T. 25,5 cm.

Material/Technique:

Weißer Marmor; der nicht zugehörige Hals ist aus einer anderen Sorte weißen Marmors gefertigt.

Preservation:

Kopf und Hals nicht zusammengehörig, Hals wohl modern. Kopfhaltung durch Anstückung verfälscht; Nase und rechtes Ohr weitgehend verloren. Rand der Ohrmuschel vom linken Ohr fehlt.
Die erhöhte Stelle hinter dem abgebrochenen rechten Ohr spricht für eine Umarbeitung aus einem älteren Bildnis. Der untere Halbbogen der Iris ist in Blei eingelegt.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen II, S. 98 Nr. 1663.

Catalogs:

Kurze Beschreibung 1922, S. 114 Nr. 1663; Schröder 1919, S. 103 f. Nr. 22; Schröder 1923 a, S. 15; Blümel 1933, S. 50 f. Nr. R 121 Taf. 78. 79; Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 215 Nr. 130; Scholl – Platz-Horster 2007, S. 239 Nr. 147 (Karsten Dahmen).

Bibliography:

Bernoulli II 3, 1894, S. 116 f.; Furtwängler 1907, S. 10 f.; Winnefeld 1909, S. 137–139 Nr. 6; Luschan 1909, S. 558 f.; Rodenwaldt 1927, S. 697 Abb. 600; Ippel 1927, S. 61; Poulsen 1928, S. 46; L'Orange 1933, S. 32. 104 f. Abb. 76. 78 Nr. 32; Curtius 1939 a, S. 2 Abb. 1; Blümel 1946, S. 32. 36 Abb. 18; Felletti Maj 1958, S. 121 Nr. 87; Rohde 1968, S. 134; Wiggers – Wegner 1971, S. 226; Calza 1972, S. 162 Nr. 75 Taf. 49, 149; Bergmann 1977, S. 145–148. 178 f. Taf. 41, 5. 6; L’Orange – Unger 1984, S. 110 Nr. 1 Taf. 24 a. b; Smith 1997, S. 184 Taf. 10, 1. 2; Bergmann 2000, S. 542 f. Nr. 190; Meischner 2001, S. 69 f. Abb. 203; Bergmann 2005, S. 205 f. Nr. 3; Fless u. a. 2006, S. 208 Nr. 564 (Friederike Fless); Dahmen 2006, S. 40 Nr. 1; Bergmann 2007, S. 66 Abb. 15. 16; Hannestad 2007, S. 96 Abb. 1 Nr. I.9.1; Prusac 2011, S. 145 Nr. 268.
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Description:

Der überlebensgroße Kopf stellt das Bildnis des Constantius Chlorus dar, dessen Benennung durch Münzbilder und Medaillons gesichert ist. Es zeigt ein schmal-längliches Gesicht mit heraustretenden Backenknochen sowie markanter Augen- und Kinnpartie. Vom kleinen, wie zu einem dezenten Lächeln leicht hochgezogenem Mund setzt sich das stark gelängte und kräftig gerundete Kinn deutlich ab. Durch die weit geöffneten Augen wirkt der Blick wie erstarrt, was zusätzlich durch die in Blei eingelegten Irishalbringe intensiviert wird. Direkt über den leicht abfallenden, geraden Brauen ist die Stirn stark vorgewölbt und wird zum Haaransatz hin lediglich durch eine Falte markiert. Obwohl die Nase abgebrochen ist, geben der Ansatz und der Umriss der Bruchfläche deutlich zu erkennen, dass Constantius Chlorus eine kräftige und lange Hakennase besaß. Äußerst dezent und kurz sind die Nasolabialfalten angegeben. Haar und Bart ist kurzgeschoren und als gleichmäßige, mit flachen Einkerbungen herausgearbeitete Flächen wiedergegeben. Hierin führt Constantius Chlorus die für die Bildnisse der Soldatenkaiser des 3. Jhs. n. Chr. typische Mode weiter, mit denen allgemeine Werte wie Nüchternheit und Stärke zum Ausdruck gebracht werden sollten.

Dating:

Um 300 n. Chr.
Angesichts der sicheren Benennung des Kopfes als Constantius Chlorus ist eine Datierung in die Zeit der 1. Tetrarchie nahe liegend, wobei die Jahre seiner Regierung als Caesar zwischen 293 und 305 n. Chr. favorisiert werden (vgl. Bergmann 1977, S. 148). Es fällt jedoch auf, dass die Münzabbildungen die in den rundplastischen Bildwerken fassbare prägnante und vom gängigen Tetrarchenbild abweichende Physiognomie des Constantius Chlorus nicht wiedergeben. Eine Erklärung hierfür bietet Smith, indem er den Typus kurz nach 306 n. Chr. datiert und als einen von seinem Sohn und Nachfolger Konstantin dem Großen erneuerten Bildnistypus interpretiert (Smith 1997, S. 185). Als Indiz hierfür führt er die vielfache fälschliche Benennung der Bildnisse des Constantius Chlorus als Konstantin den Großen an, die durch die große Ähnlichkeit zu erklären sind.

Interpretation:

Bei dem überlebensgroßen Kopf handelt es sich um eine der seltenen rundplastischen Darstellungen des Constantius I., der mehr unter dem ihm seit dem 6. Jh. attestierten Beinamen ‚Chlorus’ (der Blasse) bekannt ist. Der Vater von Konstantin regierte von 293–305 n. Chr. als Mitherrscher (Caesar) bzw. von 305–306 n. Chr. als Augustus über das westliche römische Reich in dem von Diokletian entwickelten Regierungssystem der Tetrarchie (hierzu vgl. Boschung – Eck 2006). Der Kopf besticht durch seine ‚originäre Meisterschaft’ (Meischner 2001, S. 71) hinsichtlich einer Bildniskonzeption, die in der äußerst gelungenen Verschmelzung von individueller Physiognomie mit zeittypischen tetrarchischen Bildnisformeln zum tragen kommt. Als ein verbindendes Element des von zahlreichen Bildnissen überlieferten tetrarchischen Zeitstils ist in erster Linie die expressive Formensprache zu nennen. Hierunter lassen sich die kubische Kopfform mit kurzer Haar- und Barttracht, der erstarrte Blick mit weit aufgerissenen Augen, die strenge bzw. harte Linien- und Flächenmodellierung des bewegten Gesichts sowie Alterszüge fassen (vgl. Bergmann 2007; Boschung 2006, S. 351 f.; Smith 1997, S. 180–185). Das Porträt des Constantius Chlorus vereint nur einige dieser zeitstilistischen Merkmale – so z. B. die kurze Haar- und Barttracht und den starren Blick – bei deutlicher Reduzierung der Alterszüge mittels weniger Falten, einfachen Nasolabialfalten und einem fast lächelndem Mund. Weitaus prägnanter sind darüber hinaus jedoch die individuellen Merkmale, wie sie mittels der Hakennase, dem vorstehenden Kinn, den prononcierten Backenknochen und dem schmalen Gesicht formuliert sind (Smith 1997, S. 184 f.). Diese stehen in scharfem Kontrast zu der auf Gleichheit basierenden Selbstdarstellung der Tetrarchen, womit spezifische inhaltliche Aussagen verfolgt wurden (Bergmann 2007; Boschung 2006; Smith 1997, S. 181 f.). Die genannten individuellen Merkmale des Constantius Chlorus können als Träger seiner tatkräftigen und starken Persönlichkeit gedeutet werden, die nicht zuletzt als dynastische Erkennungsmerkmale in die Bildnisse seiner Angehörigen einfließen (vgl. Hannestad 2007).
Durch die Gleichheit der tetrarchischen Kaiserbildnisse erschwerte sich die Identifizierbarkeit der Kaiser gravierend, Repliken eines Bildnistypus fehlen bzw. können nicht bestimmt werden. Eine bedeutende Ausnahme stellt wiederum der Berliner Kopf des Constantius Chlorus dar, der zudem nach Ausweis einer erhöhten Stelle hinter dem abgebrochenen rechten Ohr aus einem älteren Porträt umgearbeitet wurde (Prusac 2011, S. 145 Nr. 268). Er steht in einem deutlichen Replikenverhältnis mit einem in Kopenhagen befindlichen Porträt (Ny Carlsberg Glyptothek, Inv. 836; Johansen 1995, S. 168 f.), was ein Beleg für ein gemeinsames Vorbild ist.