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2204: Archaische weibliche Marmorstatue, sogenannte Berliner Göttin oder Berliner Kore

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Archaische weibliche Marmorstatue, sogenannte Berliner Göttin oder Berliner Kore

Inventory number:

Sk 1800

Author:

Wolf-Dieter Heilmeyer

Provenience:

Um 1923 in Olympos bei Keratea/Südattika gefunden, bei der Auffindung angeblich mit Blei bedeckt, dann Kunsthandel J. Hirsch/Genf, dort für die Berliner Antikensammlung 1924/25 erworben (Unterlagen im Archiv der Antikensammlung Berlin).

Measurements:

H. vorne (Plinthenunterseite bis einschl. Krone) 192,5 cm; H. Plinthe vorn 9,2 cm, hinten 10,5 cm; H. Gesicht 19,7 cm; B. Schultern hinten 55 cm, B. Hüfte 39 cm; T. an der Hüfte 27 cm

Material/Technique:

Weißer Marmor vom Hymettos mit dunkler Streifung vom Gesicht bis zu den Füßen, ein Block ohne Anstückungen, 2 Karstlöcher unten rechts und links. Die Werkzeugspuren von Spitzmeißeln, Flacheisen/Zahneisen, Schmirgel, Bims sind an verschiedenen Stellen auf der ganzen Oberfläche stehen geblieben.
Die vorwiegenden Farben sind relativ gut erhaltener gelber Ocker (Haar, Mantel, Unterlagen der Sandalen) und roter Ocker (Hauptgewand, Frucht, Borte und Troddeln des Mantels, Haarbänder, Ornamente der Krone), dazu, kaum erhalten, weiße Kreide (Inkarnat). Der Schmuck war gelb, das Halsband rot, die Sandalen mit den Riemen rot. Die Gewandborten und die Krone waren „bunt“ angegeben: gelb und rot, die Mäanderborten dazu weiß und mit einer weiteren Farbe akzentuiert, vermutlich blau (Wiegand 1928, S. 20, jetzt nicht nachweisbar). Die Iris des rechten Auges und die Braue über dem linken Auge haben sich leicht erhaben in ihrer glatten Umgebung erhalten, die Iris mit rotbraunen Farbspuren. Die Streifenornamentik der Borte am Unterkörper ist nur vorgeritzt, die Ornamente an Halsausschnitt und Krone sind vor der Bemalung mit dem Meißel eingetieft worden.

Preservation:

Vollständig; antike Beschädigungen an der Krone hinten sowie an den Anhängern des Halsbands (der links befindliche modern); vorne weniger, hinten stark versintert; kleine moderne Abplatzungen am Haar, Mantel, Chiton, an den Zehen und Sandalen; oberhalb und unterhalb der Hüften modern durchgesägt, an der unteren Sägefuge vorne Schleifspuren vom Ansatz der Säge; der Kopf im Hals modern abgebrochen; am Haar wie an der unteren Sägefuge hinten Absplitterungen (wieder angefügt); Sinter auf der Vorderseite teilweise entfernt, Gesicht stark gereinigt.

Additions:

An der linken Halsseite und am Haar daneben Marmorergänzung inkl. dem ersten Anhänger an der Halskette.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen II, S. 118 Nr. 1800; zur Erwerbung und zum Presseecho: Archiv ANT Erw 29-41.

Catalogs:

Reinecke 1931, S. 21-23 Abb. 12; Blümel 1940, S. 1-4 Nr. A 1 Taf. 1-8; Blümel 1963, S. 7-10 Nr. 1 Abb. 1-8; Weickert 1946, S. 6-12 Abb. 1-3; Bruns 1953, S. 20. 27; SMB 1958 Taf. 24; SMB1967, S. 57 f. 156, Abb. (S. Schultz); Rohde 1968, S. 72. 75 f. Abb. 55. 59 f; Tokyo National Museum/Kyoto National Museum 1973, S. 8. 29. 38. 52 Nr. 59-60, 4 Abb., davon 2 farbig; Heres 1982, S. 36 f. Abb. 21; Heres – Kunze 1984, S. 14. 16 Abb; Kunze 1990a, S. 78 Abb. 4 (erste Farbabb.); S. 80; Kunze 1992a, S. 12 Abb. 4; Kunze 1992b, S. 88 f. Nr. 12 Abb; Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 125 f. Nr. 67 Abb; Scholl – Platz-Horster 2007, S. 145 f. Nr. 83 Abb; Weise – Heres 1996 Nr. 1; Heilmeyer 2000, S. 225. 227 Abb; Heilmeyer 2004, S. 304 Abb. 4; Pergamonmuseum Meisterwerke 2005, S. 63 Abb (Andreas Scholl); Maßmann 2009, S. 71-78 Abb; verkürzt in: Brinkmann – Scholl 2010, S. 68-75; Schwarzmaier – Scholl – Maischberger 2012, S. 51-53 Nr. 18 (Wolf-Dieter Heilmeyer).

Bibliography:

Zuerst Wiegand 1925, S. 393-406 Abb. 3.4; Wiegand 1926a, S. 18-23 Abb. 1-3, wenig verändert in: Wiegand 1926b, 30-35 Taf. 1-2 und Wiegand 1926c, 21 m. Abb.; vgl. Wiegand 1926d, 59 m. Abb.; Wiegand 1928, 15-27 Abb. 1-13 Taf. 11-18.
Weiter: Rodenwaldt 1927, S. 200 f.; Müller 1927, 5 Taf. 8 Abb. 14; Langlotz 1927, S. 153 Anm. 1. 190; Poulsen 1929, S. 147-151 Abb. 82 f.; Richter 1929/30, S. 28. 55. 71. 115 Abb. 139 f. 267-269; Rumpf 1930 VII Abb. 31; Deonna 1930 I S. 232. 237 Anm. 3. 380 Anm. 3. 392 Anm. 7. 396 Anm. 2. 400 Anm. 1. 404 Anm. 1. 442 Anm. 4. 454 Anm. 6. 464 Anm. 8. 466 Anm. 1. 496 Anm. 3. 504 Anm. 5. 568 Anm. 3; 1931 II S. 10. 94 Anm. 5. 95 Anm. 1-3. 162; Wilamowitz-Moellendorf 1931 (1959³) I 5; II S. 103 f.; Schrader 1933, S. 29-40. 90 Abb. 14. 17 f. 26. 28; Casson 1933, S. 87. 90. 106. 116; Jäger 1933, S. 191; Gotsmich 1935, S. 30. 44-46. 72. 78 f. Abb. 3; Scheffer 1935, S. 629 Abb. 37; Bossert-Zschietzschmann 1936, XX Abb. S. 5; Rumpf 1938, S. 47 f.; Gerke 1938, S. 24-28. 34. 64. 67. 216 Taf. 24 f.; Langlotz 1939, S. 37 f. Anm. 34. 41 und passim; Schuchhardt 1940, S. 100-104 Abb. 75 a.b; Watzinger 1944, S. 261 f. 332. 335-339 Taf. 21 f.; Karo 1948, S. 260 f. Anm. 23; Lippold 1950, S. 37 Taf. 10,2; Lullies 1956, S. 19. 40 Taf. 20-23; Suhr 1961, S. 389-391 Taf. 127; Jeffery 1962, S. 142 f.; Tsirivakou-Neumann1964, S. 124 f. Beil. 60; Arias 1965, S. 102 f.; Adams 1966, S. 46. 75; Dörig 1967, S. 24-26; Schefold 1967, S. 62. 75 f. 166 f. Taf 28 f.; Richter 1968, S. 39 f. Nr. 42 Abb. 139-146; Kunze 1968, S. 697-705 Taf. 18-24; Deyhle 1969, S. 8 f.; Fuchs 1969, S. 158-160 Abb. 155 f.; Kontoleon 1970, S. 53 f.; Mastrokostas 1972, S. 302 Anm. 4. 308. 314. 317 Anm. 3. 320. 323 f.; Simon 1972, S. 214; Schneider 1975, S. 2 Anm. 15. 20 Anm. 96-98. 106; Muthmann 1975, S. 175-177 Anm. 62 f. Taf. 23,1; Ridgway 1977, S. 102-104. 109 Anm. 32. 118. 165. 170 Anm. 25; Torelli 1978, S. 674 Taf. 38 b; Boardman 1981, S. 94 f. Abb. 121; Muthmann 1982, S. 40-43 Abb. 26 f.; Croissant 1983, S. 76. 104 f. 116 Anm. 1. 238 f. Anm. 4. 244. 250. 252. 264. 268. 270. 301. 357 Taf. 96. 107; Delivorrias 1984, S. 15 Nr. 54; Brommer 1986, S. 50 Anm. 92-94; Floren 1987, S. 264-266 Taf. 21,1; Donderer 1991/92, S. 209. 233 Anh. I Nr. 3; Johnston 1993, S. 56 Abb. 46; Manzelli 1994, S. 124 Anm. 63. 160 f. Nr. 3; Rolley 1994, S. 182. 282-284 Abb. 286; Borbein 1995, S. 251-253 Abb.; Stockstad 1995, S. 170 f. Abb. 5,22; Mersch 1996, S. 138-140 Nr. 31,8; Walter Karydi 2001, S. 219 f. Nr. 1 Abb. 6; Karakasi 2001, S. 116 f. Anm. 21. 33 f, 124 Anm. 128 f. 126 Anm. 155. 132 Anm. 226 Taf. 111-113. 234; Kreikenbom 2002, S. 149. 157 f. 160. 164. 168. Karanastasis 2002, S. 185. 189. 210 Abb. 236 a-d; Kaltsas 2002, S. 10 Anm. 17. 23 f. Abb. 18 f. Brinkmann 2003, S. 52. 54. 71 Nr. 195 Abb. 195 1-11; Stieber 2004, S. 142. 148 f. Abb. 40. 173 und passim; Alexandridis-Heilmeyer 2004, S. 171-179 Abb. 188-198; Meyer 2007, S. 13. 24. 66 Nr. 94; D’Onofrio 2008, S. 216 Anm. 19; Croissant 2008, S. 320 Anm. 48; Sheedy 2008, S. 339 Anm. 28; Rolley 2008, S. 540; Schmaltz 2009, S. 86 Anm. 45 f. 113 Anm. 139. 114 Anm. 148. 115 Anm. 152. 116 Anm. 162. 119 Anm. 177; Heilmeyer - Maßmann 2014.
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Description:

Die Frauenstatue steht mit geschlossenen Beinen und erhobenem Kopf, sie hält beide Hände eng vor dem Körper. Die Plinthe, auf der sie steht, war im Ganzen ursprünglich sicher wie heute wieder in einen erheblich breiteren Sockel versenkt, der der Statue Standfläche und Raum gegeben hat. Die ganze Gestalt ist eindeutig von vorne zu lesen, nur dann gehen die steil von oben gezeigten Füße, die stark gebogenen Arme und die scharf geschnittenen Lippen auf. Die unerreichbar hohe Krone ist von oben nur durch Pickung ausgehöhlt. Dort befindet sich kein Einlassloch für einen der viel diskutierten Meniskoi.
Die Figur hält dem Betrachter die Frucht in ihrer Rechten provokant hin, ihre rechte Seite kommt dieser Handbewegung nach. Leichte Asymmetrien begleiten den ansonsten streng auf die vordere Mittelachse bezogenen Aufbau von den Füßen über die Mantelenden zur Halskette, zum Gesicht, wo Lippen und Haarscheitel gegenüber der Nase nach der rechten Seite der Figur ausweichen, und zur Krone, die auf dieser rechten Seite etwas tiefer aufzuliegen scheint: solche Abweichungen entsprechen der oft schon bei archaischer Plastik beobachteten, vermutlich aus den Arbeitvorgängen zu erklärenden „verborgenen Bewegung“.
Im Vergleich mit der Kore von Merenda (Kaltsas 2002, S.10) kann man sich von der möglichen antiken Aufstellung der Berliner Kore eine bessere Vorstellung machen: Die Plinthe der Phrasikleia (B. 30 cm, H. 5 cm; der Inschriftblock 53 x 57 cm, H. 27 cm) ist nur wenig niedriger als die Plinthe der Berlinerin. Vergleichbar sind auch die kaum größeren Ausmaße der ebenfalls aus Attika stammenden Phaidimos-Basis mit den darauf noch erhaltenen Füßen einer weiteren Kore (Plinthe 35 x 30 cm, Basisblock 59 x 56 cm, H. 30 cm: Eichler 1913, S. 86-102 Abb. 46 f. 49. 55). Nach diesen Vorbildern darf man für die Berliner Statue einen oberen Basisblock von etwa 50 – 60 cm im Quadrat und einer Höhe von bis zu 30 cm voraussetzen. Der oberste Block der Phaidimos-Basis aus Marmor ruhte auf 3 weiteren Blöcken aus Kalkstein, die zusammen eine Höhe von 1,18 m ergaben. Setzt man eine ähnliche drei- oder vierstufige Basis für die Berliner Statue voraus, kommt man auf eine Augenhöhe des Betrachters nahe der ihm so nachdrücklich präsentierten Frucht. Wenn man die knappen Angaben zur Auffindung der Berliner Kore mit den Fundumständen der gleichermaßen gut erhaltenen Phrasikleia vergleicht, wird man beide am ehesten als Grabstatuen auf hohen beschrifteten Sockeln verstehen dürfen, die man aus Angst vor Beschädigungen vergraben hat.
Die Füße erscheinen vor dem dafür unten in doppeltem Bogen ausgeschnittenen Gewand, ohne dass von den Beinen hinter diesem Gewand auch nur eine Andeutung zu sehen wäre. Sie sind vorne stark von oben gesehen, erscheinen aber auch von der Seite wie auf Absätze gehoben. Sie werden von den Sohlen und dem Riemenwerk der Sandalen in roter Farbe eingefasst und von den hohen gelben Sohlenunterlagen noch erhöht. Ausführlich sind die Fußdetails dargestellt. Zwischen den Füßen schaut man auf die erst gröber, dann feiner gepickte, rot gefärbte Steinmasse, sozusagen ins Dunkle unter dem Gewand. Dieses ist auf dem Unterkörper von den gerundeten Hüften und dem vortretenden Gesäß an, ohne dass ein Gürtel erkennbar wäre, in regelmäßige Falten gelegt, auf der rechten Seite der Figur 12, auf ihrer linken Seite 13. Vorne und seitlich sind die Falten unten, wo sie umschlagen, mit ungefähr im Dreieck schwingenden, schwach geritzten, kleinen Feldern versehen, so als ob man auch in diese Umschläge Einblick hätte; heute sind diese Felder farblos. Zwischen den langen Steilfalten liegt vorne in der Mitte eine eigens ornamentierte Mittelborte des Gewands. Darauf ist von der Gürtellinie an bis zu den Füßen ein vierbahniger Mäander aufgemalt, oben zwischen den Mantelenden weniger zu sehen. Die mittleren Bahnen waren rot und gelb, die äußeren sind heute farblos, nach Theodor Wiegand einer ursprünglich blau (Wiegand 1928, S. 20).
Die Oberfläche der Falten ist unter der roten Farbe in zwei Arbeitsvorgängen der Glättung fein scharriert, meist etwas gröber mit Flacheisen von oben nach unten, hie und da aber auch feiner, dichter und schräg übereinander mit Schmirgel, sodass man die Angabe von Gewebe zu sehen meint. Das folgt in gleicher Art, eher noch stärker, am Oberkörper, zum Beispiel an den Ärmeln. Da auch der gelbe Mantel scharriert ist, allerdings nur in der gröberen Weise, kann man voraussetzen, dass damit die verschiedenen Stoffe gekennzeichnet werden sollten.
Ober- und Unterkörper sind vorne durch den von den Schultern bis über den Schoß herabfallenden gelben Mantel mit roten Borten und kurzen, ebenfalls roten Troddeln verbunden. Wie man an seinen Enden vor dem Schoß sieht, ist er wie ein etwas zu breiter Schal in vier Bahnen über die Schultern gelegt, die obersten Bahnen noch dicht in je sechs Faltenreihen geschichtet. Er legt sich hinten dem Rücken seiner Trägerin an und fällt vorne flach und schwer herab, nur von ihrer linken Hand aufgenommen. Ihre hoch sitzenden, flachen Brüste treten dahinter ganz zurück, am Halsausschnitt bleibt ein größerer, weiter unten nur noch ein schmaler Streifen des roten Hauptgewands sichtbar.
Dieses liegt, soweit es unter dem Mantel zu sehen ist, wie ein Hemd relativ eng an: es muss das Oberteil des Faltenrocks sein, das halblange Ärmel hat, von denen überschüssiger Stoff unter den Achseln zum Körper überleitet, und wird nach Theodor Wiegand als „Chiton mit weiten Halbärmeln“ bestimmt (Wiegand 1928, S. 22; vgl. Floren 1987, S. 265). Am Halsausschnitt läuft eine wiederum mit einem Mäander verzierte Borte um; Die drei durchlaufenden Bahnen und die Bänder der Seitenfelder zeigten nach Wiegand „rote, gelbe, blaue und weiße Tönung“, wobei die dritte Bahn wie die Seitenfeldbänder heute farblos sind und ihre dunklere Erscheinung teilweise der hier offen liegenden grauen Streifung des Marmors verdanken.
Die beiden Unterarme sind von der weitesten Ausladung des Oberkörpers an den Ellenbogen in leichter Rundung vor den Bauch gezwungen, damit die Hände direkt am Körper anliegen können. Sie sind beide von den Ärmeln an nackt, der Ärmelrand zeigt, dass das Gewand sehr dünn gedacht ist. Dicht vor dem linken Handgelenk ist ein eng aufgeschobener Spiralarmreif mit etwas über zwei aneinander liegenden Windungen zu sehen, das zur Brust hin weisende Ende spitz, das zur Hand hin erscheinende abgeflachte andere Ende angeschlagen, sodass nur zu vermuten ist, dass es in einem Schlangenkopf endete. Der linke Handrücken ist voll ausgebreitet, der Daumen greift mit seinem vordersten Glied unter die Mantelfalten. Die rechte Hand ist im Handgelenk gedreht und umschließt eine runde Frucht, die vorne relativ plan und hinten, wo sie ans Gewand gepresst erscheint, in der Bosse belassen ist. Vorne ist sie an ihrer Oberfläche radial scharriert und im Ganzen, auch auf der gepickten Innenseite, rot bemalt. Der Blütenstand ist als runder Wulst zu 13 Blütenblättern um einen runden Stand gekerbt und entspricht nicht dem 4-6-blättrigen Blütenstand eines Granatapfels, den man seit Wiegand stets hier dargeboten gesehen hat.
Am Kopf sind Hals, Gesicht und Krone geglättet wie Füße und Hände, das Haar ist mit dem Flachmeißel so bearbeitet, dass es eine eigene Oberflächenform hat wie die Gewänder und die Frucht. Knapp über dem Halsansatz sitzt eng anliegend, also straff gebunden, das rote Halsband mit drei Anhängern in Form kleiner Gefäßchen. Die Ohranhänger sind ähnlich, am linken findet sich noch ein wenig Gelb.
Das Gesicht hat weite Wangenflächen, ist aber vorne recht schmal und stößt im Profil mit der starken, an der Spitze und den Flügeln rund und weich ausgebildeten Nase über dem Kinn weit nach vorn. Scharf gekantet sind die Lippen mit den hoch gesetzten Mundwinkeln und die Brauenbögen, bei denen Spuren über dem linken Auge zeigen, dass diese ursprünglich durch schmale, kräftige Farbstreifen betont waren. Beide Augen haben deutlich eingekerbte, abgeflachte, spitz aufeinander treffende Lider. Die am rechten Auge noch erkennbare Iris füllt die ganze Fläche des Augapfels, Spuren rotbrauner Farbe sind noch vorhanden. Die in der Mitte zugespitzt nach unten weisenden Lippen, gestaltet, als wären sie leicht von oben gesehen, ergeben mit den in die Wangen gehobenen Mundwinkeln ein sehr apartes Lächeln unter den strahlenden Augen.
Die großen Ohren mit ihren geschwungenen Hakenformen und den Anhängern sitzen flach und hoch in einer Linie hinter den Augen. Das Haar, das wie eine Haube Gesicht und Hals umfängt, ist insgesamt scharriert und gelb gefärbt, also blond. Die Locken laufen von einer Art Scheitel über der Stirn aus in regelmäßigen Wellen nach hinten und rahmen die Stirn in hängenden Halbkreisen. Genau hinter den Ohren, also beim sehr hoch liegenden Haaransatz am Hinterkopf, wird das Haar von einem dreibahnigen roten Band gehalten und ist unten dann als Schopf eng in mehrfacher Lage mit einem doppelten roten Band aufgebunden. Die Krone hat einen gegenständigen Zinnenmäander aus einem durchlaufenden roten Band und gegenläufigen „Zinnen“, die wie der unten umlaufende Rand heute unbemalt erscheinen. Die darüber aufsitzenden Lotosblüten und -knospen sind rot vor einem heute weitgehend unbemalten, aber ursprünglich wohl goldgelben Grund. Der Kopfschmuck verstärkt den Eindruck der kostbaren Ausstattung der gepflegten Frau mit ihrem hellen Inkarnat, dem blonden Haar, dem gelben Mantel und dem roten Gewand.

Dating:

Wir greifen aus den schwankenden Datierungsvorschlägen in der wissenschaftlichen Literatur nur einige heraus, die intensiver in der Begründung sind oder beispielhaft für den Weg der Forschung. Sie beruhen ausschließlich auf stilistischer Analyse und Formvergleichen. Dabei haben sich Schwerpunkte und schließlich eine Art Konsens ergeben:
um 600 v. Chr.: Wiegand 1926, S. 34.
nach 600/um 590-80: Rodenwaldt 1927, S. 200 f.
um 580: Buschor 1927, 212; Deonna 1930/31 II S. 94 f. 162.
1. V. 6. Jh.: Wiegand 1928, S. 27.
550-540: Schrader 1933, S. 90.
nach 570: Gotsmich 1935, S. 46.
um 560/50: Langlotz 1939, S. 37 f.
580-570: Blümel 1940/1963; Fuchs 1969, S. 160.
um 570/60: Lippold 1950, 37; Ridgway 1977, S. 103; Boardman 1981, S. 94.
3. V. 6. Jh.: Kunze 1968, S. 700 f.
um 570: Floren 1987, S. 265; Rolley 1994, S. 282.
570-560: Karakasi 2001, S. 115-117.
um 580: Kreikenbom 2002, S.158.
Die radikale Spätdatierung von Schrader 1933 (vgl. Kunze 1968) hat sich nicht durchgesetzt. Claude Rolley hat nach seiner Datierung 1994 noch einmal in der Diskussion (Rolley 2008, S. 540) herausgestellt, dass die Berliner Statue Sk. 1800 wie die später gefundene Kore von Ay. Ioannis Rhendis wenig vor die um 566 v. Chr. einsetzende Serie der Koren der Akropolis, also um 570 v. Chr., einzuordnen sei; Zustimmung durch Croissant 2008, S. 320 Anm. 48.

Interpretation:

Die Berliner Kore ist von Theodor Wiegand von Anfang an als „Göttin“ publiziert worden, obwohl er nie ausgeschlossen hat, dass es sich auch um „eine junge Sterbliche“ gehandelt haben könnte. Da sie bereits 1927 von Ernst Langlotz als „Göttin mit dem Granatapfel“ (Langlotz 1927, S. 153) oder von Ernst Buschor als „Berliner Göttin“ zitiert worden ist (Buschor 1927, S. 212), hat sich dieser Name eingebürgert, häufig ohne weiter nach dem Hintergrund zu fragen. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hat 1931(Wilamowitz-Moellendorff 1931, S. 103 f.) wegen des angeblichen Granatapfels „an eine Fruchtbarkeitsgöttin, an Aphrodite“ gedacht, Wiegand zusätzlich auch Persephone vorgeschlagen, Georg Karo (Karo 1948, S. 260) hat 1948 noch hinzugefügt: „vielleicht Demeter oder ihre Tochter Kore“. Als Aphrodite ist die Berliner Statue schließlich auch in das Lexikon Iconographicum Mythologiae Classicae 1984 aufgenommen worden (Delivorrias 1984, S. 15) – die vielen knappen Erwähnungen als „Göttin“ resümiert Frank Brommer (Brommer 1986, S.50).
Lilian Hamilton Jeffery (Jeffrey 1962, S. 142 f.) hat 1962 bemerkt, dass Kultbilder anders auszusehen hätten. In den Berliner Katalogen (s. oben) blieb die Statue unentschieden entweder eine „Attische Göttin mit Granatapfel“ (so bei der Rückkehr aus dem russischen Exil) oder eine „Frauenstatue mit Granatapfel“ (Blümel 1963, S. 7), „das erhabene Bild einer Göttin oder das Bild einer Sterblichen“ (Rohde 1968, S. 76 ). Dass zwischen einer Götterstatue als Weihgeschenk und einer Grabstatue vom Bildwerk her keine Entscheidung möglich sei, ist früh formuliert worden, Lambert Schneider hat in seiner für diese Fragen grundlegenden Schrift „Zur sozialen Bedeutung der archaischen Korenstatuen“ 1975 herausgestellt, dass es sich beim Korentypus „unterschiedslos um Weihgeschenk und Grabmonument“ handeln kann (Schneider 1975, S. 2).
Nikolaos M. Kontoleon hat 1970 die schon lange bekannte Inschriftbasis der Phrasikleia mit der „statue féminine de Berlin“ verglichen und diese als Grabmal erkannt – freilich mit der „double qualité“ der Phrasikleia als jung Verstorbene, angeglichen an Kore, Göttin des Hades (Kontoleon 1970, S. 54). Der Ausgräber der Phrasikleia, Euthymios I. Mastrokostas, nannte die „Berliner Göttin“ 1972 nur noch „Koré de Berlin“ (Mastrokostas 1972, S. 302). Schon 1981 konnte John Boardman resümieren: „Kore von Berlin, früher ‚Berliner Göttin’, jetzt allgemein als Grabmal anerkannt“ (Boardman 1981, S. 94 f.). Dabei ist es für die Korenstatue in Berlin geblieben: Die Bezeichnung „Berliner Göttin“ trägt sie nur noch als den einmal verliehenen Namen in museumsgeschichtlicher Tradition.

Reception:

Die „Berliner Göttin“ wurde nach dem Erwerb 1926 im Hauptgeschoss des Alten Museums im Archaischen Saal (II) am Westhof bei Oberlicht auf hohem Sockel in einem Glaskasten ausgestellt.
Nach den Verlagerungslisten „der im September 1939 aus Gründen des Luftschutzes von ihren Standorten entfernten Kunstwerke und Mobilien der Antikenabteilung“ kam sie zunächst in die „Neue Reichsmünze“, dann in den sicherer erscheinenden „Flakbunker am Zoologischen Garten“. Dort am 1. Mai 1945 von der sowjetischen Militärbehörde übernommen und im Sommer 1945 mit den anderen Antiken der Berliner Museen als Kriegsbeute nach Russland verfrachtet, aber immerhin aus den Berliner Zuständen „gerettet“, hat sie von 1945-1958 in der Ermitage in Leningrad, heute St. Petersburg, im Wesentlichen im Magazin gestanden. 1958 nach Berlin zurückerstattet, war sie Teil der Ausstellung im Berliner Pergamonmuseum „Schätze der Weltkultur von der Sowjetunion gerettet“ (oben bei Kataloge), die zuvor noch in Petersburg und Moskau gezeigt worden war.
Zur Zehnjahresfeier der DDR 1959 fand sie mit anderen zurückgekehrten Antiken eine Neuaufstellung im Nordflügel des Pergamonmuseums frontal in der Türflucht des 2. Saals.1973 ist sie auf einer aus politischen Gründen wichtigen Ausstellung in Tokyo und Kyoto in Japan gewesen (s. oben Kataloge).
Im Pergamonmuseum stand sie frei und relativ niedrig, ohne Vitrine, zunächst sogar mit freier Plinthe auf dem Sockel im von links aus großen Fenstern kommenden Tageslicht. Wie fast alle Skulpturen, die 1958 aus der Sowjetunion nach Berlin zurückgekehrt sind, hat sie vor der Neuaufstellung 1959 keine Restaurierung erfahren. Das war über die Jahre besonders an den Sägefugen und der Bruchstelle am Hals deutlich geworden: Eine Besucherbeschädigung hat schließlich zur Restaurierung durch Wolfgang Maßmann 2009 geführt (vgl. oben Kataloge 2009/10). Im Februar 2011 ist sie ins Hauptgeschoss des Alten Museums zurückgekehrt und bei neuer Beleuchtung wieder in einer Glasvitrine, aber wieder recht niedrig im Ostsaal ausgestellt beim Thema Grab und Grabkult.