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109879: Weihrelief mit zwei stehenden Frauen

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Weihrelief mit zwei stehenden Frauen

Inventory number:

Sk 1647

Author:

Katrin Dittmann

Provenience:

Milet. (Inventar der Skulpturen II, S. 96 Nr. 1647)

Measurements:

H. 63 cm; B. 43 cm; T. 28 cm; H. Relief 3 cm.

Material/Technique:

Grauweißer Marmor. Die Seitenflächen des Reliefblocks sind mit dem Spitzeisen bearbeitet. Die Rückseite ist nur grob gearbeitet.

Preservation:

Vom Einlasszapfen des Reliefs ist auf der linken Seite ein größerer Teil schräg weggebrochen, die Bruchlinie verläuft dabei von links oben nach rechts unten. Aus der oberen Reliefumrahmung ist ein kleines Stück ausgebrochen. Gesicht, Brust und das jeweilige Attribut der beiden weiblichen Gestalten weisen starke Abriebspuren auf. Die linke Hand der rechten Figur ist abgestoßen.
Laut den Beobachtungen von Volkmar von Graeve (1986, S. 23 Anm. 5) erscheinen unter Streiflicht Reste einer Bemalung, die eine Unterteilung der seitlichen Rahmungen vornimmt.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen II, S. 96 Nr. 1647.

Catalogs:

Blümel 1940, S. 49 Nr. 44 Abb. 126; Kurze Beschreibung 1922, S. 113 Nr. 1647.

Bibliography:

Lippold 1950, S. 47 Anm. 11; Herdejürgen 1968, S. 39; Richter 1968, S. 51 Nr. 71 Abb. 229; Tuchelt 1970, S. 124 L 38. 144. 176; Hadzisteliou Price 1971, S. 51. 58 f. Taf. V 11; Neumann 1979, S. 15 Taf. 9 a; Naumann 1983, S. 116 f.; LIMC II (1984) S. 703 Nr. 1055 (Lilly Kahil); von Graeve 1986, S. 21 Anm. 1. 25; von Graeve 1986a, S. 88-90 Taf. 9, 3; Fuchs – Floren 1987, S. 379 f. 388 Taf. 33, 6; Roller 1999, S. 126; Karakasi 2001, Taf. 42, 3; Vikela 2001, S. 83 mit Anm. 49.

Mendel 1914/II, S. 226 Nr. 523 (Formgebung); Blümel 1940, S. 47 f. Nr. 42 Abb. 124. 152 (Gewand und Stellung); Hadzisteliou Price 1971, S. 51 Taf. VI 15 (Interpretation als Artemis/Leto); Naumann 1983, S. 299 Nr. 39. 40 Taf. 13, 2. 13, 3 (Interpretation als Kybele);
von Graeve 1986a, S. 21. 24 f. Taf. 6, 2.

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Description:

Die Darstellung des Reliefs zeigt zwei ruhig nebeneinander stehende Frauen in Vorderansicht, in gleicher Tracht und Haltung. Der einzige Unterschied zeigt sich in ihrer Körpergröße. Die rechts stehende Gestalt erscheint auf dem Bildfeld geringfügig kleiner. Bekleidet sind beide mit einem gegürteten Chiton, dessen unterer Gewandsaum sich bogenförmig über die Füße legt. Über den Chiton tragen sie ein Schrägmäntelchen. Der lange Mantelzipfel fällt neben ihrer linken Seite bis unter Kniehöhe frei herab. Beide Kleidungsstücke legen sich glatt um ihre Körper. Der Kopf ist mit einem Schleier bedeckt, der faltenlos auf die Schultern herabfällt. Mit der gesenkten linken Hand raffen sie den Chiton zur Seite. Der jeweils rechte Arm ist vor die Brust gelegt und hält ein Attribut in der Hand. Die Art der Attribute ist heute nicht mehr eindeutig zu bestimmen.

Dating:

Für das Weihrelief mit den zwei stehenden Frauen gibt es in der Forschung eine Reihe von Datierungsvorschlägen. So fiel bereits Carl Blümel (1940, S. 47 f.) die große Ähnlichkeit des Weihreliefs mit der Anaximandros-Kore auf, die sich vor allem in der Wiedergabe der Schrittstellung und dem bogenförmigen Gewandverlauf oberhalb der Füße widerspiegelt. Für das Weihrelief würde damit eine ähnliche Datierung wie das Vergleichsstück in das 2. Viertel des 6. Jahrhunderts v. Chr. naheliegen. Ein Großteil der Forschung schließt sich der daraus resultierenden zeitlichen Einordnung an (so auch Richter 1968, S. 44 f. 51 Nr. 71 oder Tuchelt 1970, S. 124). Abweichend von dieser vorherrschenden Forschungsmeinung spricht sich Josef Floren (Fuchs – Floren 1987, S. 380) für eine etwas ältere Entstehungszeit um 580/570 v. Chr. aus. Volkmar von Graeve (1986a, S. 87) hingegen datiert das Weihrelief um die Mitte oder in die vierziger Jahre des 6. Jahrhunderts v. Chr. Diese späte Entstehungszeit resultiert aus seinem neuen Datierungsvorschlag für die Anaximandros-Kore, deren zeitliche Einordung er erst nach der Hera des Cheramyes und damit um etwa die Jahrhundertmitte ansetzen möchte (von Graeve 1986a, S. 87 f.). Das Motiv der Gewandraffung, wie auf diesem Relief an beiden Frauen zu sehen ist, wurde in der Großplastik erstmalig an der Geneleos-Gruppe beobachtet, die um 560/550 datiert (Freyer-Schauenburg 1983, S. 129). Diese Beobachtungen sprechen für eine gleichzeitige oder geringfügig spätere Entstehung des Weihreliefs.

Interpretation:

Stil und Tracht des kleinen Weihreliefs verweisen in den ostionischen, genauer in den samisch-milesischen Bereich und lassen sich in die Gruppe der „ersten Richtung“ einordnen, deren Werke durch die Gestaltung großer Flächen mit wenig Faltendekor charakterisiert werden (Tuchelt 1970, S. 144). Wie die meisten samisch-milesischen Koren halten auch die beiden Frauen auf dem Weihrelief ein Attribut vor die Brust gedrückt, wobei die Deutungsvorschläge von einer Kanne (Naumann 1983, S. 116) bis hin zur Blume (von Graeve 1986, S. 25 Anm. 17) reichen. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustands der Attribute ist aber eine gesicherte Zuweisung nicht mehr möglich. Während die zwei weiblichen Figuren in der Forschungsliteratur zumeist allgemein als Frauen angesprochen werden, ergibt sich für Friederike Naumann (Naumann 1983) anhand ikonographischer Indizien eine mögliche Identifizierung als die Göttin Kybele. Gerade in der archaischen Zeit herrschte in der phrygischen Kunst eine große Anzahl von Darstellungen der Göttin vor, die entweder sitzend oder stehend im Naiskos abgebildet wurde. Die ikonographischen Ähnlichkeiten lassen Friederike Naumann (1983, S. 116 f.) auch die zwei Frauen des Weihreliefs als Kybele-Abbildung ansprechen, die hier zudem in einer Doppelung ausgeführt wurde, um auf unterschiedliche Wesenszüge der Gottheit zu verweisen. Dass Votive an Gottheiten auch Doppeldarstellungen zeigen können hat bereits Theodora Hadzisteliou Price (Hadzisteliou Price 1971) nachgewiesen. Doch möchte sie das Weihrelief eher im Sinne einer Mutter-Tochter-Darstellung interpretiert wissen und setzt die beiden Frauen mit Leto und Artemis gleich (Hadzisteliou Price 1971, S. 58 f.). Der Gedanke an eine Zuweisung der zwei Frauen des Weihreliefs an Kybele wurde in der späteren Forschung erneut aufgegriffen und übernommen (Roller 1999, S. 126; Vikela 2001, S. 83). Die Schwierigkeit einer Deutung als Kybele besteht im vorliegenden Fall darin, dass das Reliefbild nur von einer einfachen Umrahmung ohne Giebelausbildung eingefasst wurde. Ohne Naiskosdarstellung fehlt aber eine wichtige Voraussetzung für die gesicherte Zuweisung an Kybele. Einen anderen Interpretationsansatz bietet ein bildtypologisch und stilistisch vergleichbares milesisches Weihrelief, ebenfalls mit der Darstellung zweier gleichartig gestalteter Frauen. Dessen Reliefumrahmung wurde jedoch als Naiskos ausgebildet. Dieses Relief ist insofern von Interesse, als dass es im Giebel eine Weihinschrift an die Nymphen trägt (von Graeve 1986, S. 21. 24 f.). Geht man aber wie Eugenia Vikela (2001, S. 84) von einer nachträglichen Ergänzung der Weihinschrift aus, lassen Reliefform und Bildtypus wieder an die bekannten archaischen Kybele-Darstellungen denken. Letztendlich muss die Frage nach einer eindeutigen Zuordnung in diesem Fall offen bleiben.