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109875: Relieffragment eines stehenden Mädchens

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Relieffragment eines stehenden Mädchens

Inventory number:

Sk 1900

Author:

Katrin Dittmann

Provenience:

Wahrscheinlich Milet.

Measurements:

H. 41 cm; B. 30 cm; T. 32 cm; Relief-H. 5 cm; Reliefumrandung B. 6 cm.

Material/Technique:

Weißer Marmor. Die linke Seitenfläche und die Rückseite des Blockes sind geglättet.

Preservation:

Von der Reliefumrandung hat sich nur auf der linken Seite ein kleiner Teil erhalten. Ansonsten ist die Reliefplatte ringsum unregelmäßig abgebrochen. Erhalten ist nur noch der untere Teil des Gesichts sowie der Körper und die Beine bis zu den Knien. Gesicht, rechte Hand und Attribut sind stark verrieben. Die linke Hand weist starke Bestoßungen auf. Mehrere, z. T. tiefe Risse zeigen sich auf der gesamten Oberfläche des Marmorblockes.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen II, S. 132 Nr. 1900.

Catalogs:

Blümel 1940, S. 50 Nr. 46 Abb. 128.

Bibliography:

Richter 1968, S. 93 Nr. 166 Abb. 531; Tuchelt 1970, S. 127 L 78. 150. 154; Neumann 1979, S. 15; von Graeve 1983, S. 12 Abb. 2;
von Graeve 1986, S. 21 Anm. 1.

Blümel 1940, S. 50 f. Nr. 47 Abb. 129−132; Akurgal 1961, S. 234. 237-239. 257. 262 Abb. 200. 220; von Graeve 1983, Abb. 23−26; von Graeve 1986, S. 21−24 Taf. 6, 1.
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Description:

Auf dem Relieffeld steht frontal die Gestalt eines Mädchens. Es trägt einen gefälteten Chiton, der mit einem breiten Band gegürtelt ist. Der Gewandbausch bildet einen flachen Bogen. Darüber ist es mit einem Mäntelchen bekleidet, unter dem sich zart die Brust andeutet. Das Mäntelchen wird durch ein System von senkrecht und schräg verlaufenden Faltengruppen gegliedert. Ihr Kopf ist mit einem glatt gehaltenen Schleier bedeckt, der über die Schultern herabfällt. Sie hält mit ihrer Rechten eine Weihgabe vor ihrer Brust, möglicherweise einen Vogel in der Art der Vogelträgerinnen aus Milet. Die gesenkte linke Hand rafft den Chiton mit seinem breiten, bogenförmig verlaufenden Mittelstreifen. Die Falten im Bereich der Oberschenkel folgen diesem Verlauf. Die Mittelbahn des Chitons ist von dünneren, dicht gestellten Falten begleitet. Die Beine fehlen ab Kniehöhe.

Dating:

Für die Datierung des Reliefbruchstückes ist noch immer die zeitliche Einordnung und Bestimmung der samisch-milesischen Plastik ausschlaggebend. Vergleichsmöglichkeiten gewähren als nächste Verwandte sowohl eine Gruppe von stehenden Vogelträgerinnen aus Milet als auch Koren samischer Herkunft. Die enge Verwandtschaft mit den samisch-milesischen Koren, in Bezug auf Haltung und Gewanddarstellung, legt eine Zuweisung in diesen zeitlichen Rahmen nahe. Ich folge dabei den Datierungskriterien von Volkmar von Graeve, der sich bei seiner chronologischen Einordnung auf einen wesentlich erweiterten Bestand stützen kann. Die sogenannte Ältere Vogelträgerin aus Milet gilt in ihrer stilistischen Ausführung als Nachfolgerin der Hera des Cheramyes und wird kurz vor die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datiert (von Graeve 1983, S. 17 f.). Die Gewandfaltung des Fragmentes ist aufgrund der Materialgattung weniger differenziert gearbeitet, lässt sich aber in der Anlage der Faltengebung gut vergleichen. Allerdings löst das Reliefbruchstück das Standmotiv der Älteren Vogelkore viel weiter auf. Zudem zeigt das Fragment als Erweiterung des Gestaltungsrepertoires das Motiv der Gewandraffung, dessen Einführung dem Geneleos (Freyer-Schauenburg 1974, S. 129) um 560/550 v. Chr. zugeschrieben wird. Trotz Parallelen in den Formprinzipien erscheint bei dem Fragment die Ausführung der Gewandraffung bewegter als bei der Geneleos-Gruppe, was für eine etwas spätere Entstehungszeit spricht.
Hier ergibt sich eine Datierungshilfe durch eine weibliche Figur auf der Rundbasis von Kyzikos (Istanbul, Archäologisches Museum, Inv. 5370; Fuchs – Floren 1987, S. 405. 462 Anm. 14 Taf. 36, 3), die schon von Carl Blümel (1940, S. 50) aufgrund ihrer Ähnlichkeit zum Reliefbruchstück als zusätzlicher stilistischer Vergleich herangezogen wurde. Ihre Entstehungszeit bald nach der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. dürfte auch für das Relieffragment anzusetzen sein.

Interpretation:

Der Typus einer mit Chiton und Schrägmantel bekleideten Schleierträgerin – eine Hand das Gewand raffend, die andere meist ein Attribut an die Brust drückend – ist für den samisch-milesischen Kunstkreis gut belegt (von Graeve 1983, S. 7−24; Karakasi 2001, S. 13−53 Taf. 4−11, 24−28, 40.41). Auch die Armhaltung des Mädchens auf dem Relieffragment entspricht diesen typologischen Kriterien. Die ursprüngliche Natur ihres Attributes lässt sich aufgrund des starken Abriebs jedoch nicht mehr eindeutig bestimmen. Vergleiche mit den in enger Verwandtschaft stehenden Vogelträgerinnen milesischer Herkunft zeigen, dass die Koren gewöhnlich Vögel, zumeist Steinhühner tragen. Diese halten sie mit der ausgestreckten Hand gegen die Brust gepresst. Somit wäre die Vermutung, dass es sich bei dem Attribut im vorliegenden Fall ebenfalls um eine Vogeldarstellung handelt, durchaus begründbar. Die Gewanddrapierung des Reliefbildes lässt Volkmar von Graeve (1983, S. 7) zudem an den ähnlichen Faltenstil der Älteren Vogelkore denken, die er zusammen mit dem Relieffragment sowie zwei Sitzfiguren von Yeniköy zu einer stilistisch eng verwandten Gruppe zusammenfassen möchte. Sind sie auch nicht von ein und denselben Bildhauer geschaffen, lassen ihn die Übereinstimmungen in der Ausführung an eine gemeinsame Werkstatt im weiteren Sinn denken (von Graeve 1983, S. 12).
Aufgrund des reichen und unterschiedlichen Faltendekors von Chiton und Schrägmantel wird sie von Klaus Tuchelt (1970, S. 150) der sogenannten „zweiten Gruppe“ zugeordnet. Diese Richtung steht im Kontrast zu einer Gruppe milesischer Arbeiten, die vornehmlich große, glatte Gewandflächen aufweisen und nur sparsam durch Faltengebung gegliedert werden.