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80564: Sitzstatue einer Göttin, „Göttin von Tarent“

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Sitzstatue einer Göttin, „Göttin von Tarent“

Inventory number:

Sk 1761

Author:

Agnes Schwarzmaier

Provenience:

1912 in Unteritalien gefunden. Nachforschungen in den 30er und 50er Jahren haben eine Herkunft aus Tarent ergeben, doch widersprachen sich die publizierten Angaben zum genauen Fundort (Zancani Montuoro 1931, S. 163; Langlotz 1957a, Sp. 359; Lo Porto 1970, S. 377 f.). Erst die Einbeziehung aller Akten bei den italienischen Behörden in Tarent ermöglichte die Erkenntnis, dass die Statue an der Kreuzung der Via Duca degli Abruzzi und der Via Mazzini entdeckt wurde (Conte 2011, S. 26–41. 57–62; Plan S. 37 Abb. 24). Nachgrabungen 1934 und 1958 brachten jedoch nicht die gewünschten Ergebnisse (Conte 2011, S. 55–59). Die ebenfalls früh aufgetauchte Herkunftsangabe Lokri scheint dagegen auf Spekulationen zu beruhen (Steininger 1996, S. 149; Conte 2011, S. 63–67). 1916 von dem Münchner Kunsthändler Jacob Hirsch erworben, weitere Fragmente von Lehne und Füßen des Thrones 1925 (Wiegand 1925a, Sp. 391 f.; Alexandridis – Heilmeyer 2004, S. 151 f. Abb. 166) und angeblich 1937 (Langlotz 1957a, Sp. 36). Allerdings lässt sich letzteres in den Unterlagen des Museums nicht nachweisen. Auch die langjährige Skulpturenkustodin der Antikensammlung, Dr. Huberta Heres, konnte die Existenz dieses Stückes nicht bestätigen.

Dimensions:

H. 151 cm; B. 70 cm; T. 91,5 cm; Länge des Gesichts von Kinn bis Scheitel 18 cm.

Material and technique:

Marmor, nach Wiegand parischer Marmor. Der Stein hat zahlreiche Risse in Zusammenhang mit seiner Schichtung, an denen Teile abgeplatzt sind. Das Diadem enthielt ursprünglich metallene Einlagen (Löcher der Befestigungsstifte erhalten), außerdem insgesamt sechs Löcher in den Haaren am Scheitel und an den Schläfen sowie Löcher für metallene Ohrringe. Zwei runde Dübellöcher in der fehlenden oberen linken Ecke der Thronlehne für eine Anstückung?

Condition:

Es fehlen beide Hände, Rand des rechten Ohres, Teile der hinter den Ohren herabfallenden Haarsträhnen auf der rechten Seite. Auf der linken Seite wurden sie nach der Auffindung bei der Abnahme des Kopfes durchgesägt. Weiter fehlen Teile der Rückenlehne des Thrones, linke Armlehne ganz, vorderer Teil der rechten, hinteres rechtes Thronbein ganz, Teile der beiden vorderen Thronbeine, Rotellen in der Einziehung am einzig erhaltenen hinteren Thronbein, linke vordere Ecke der Sitzfläche des Thrones, vordere rechte Ecke des Fußschemels; zahlreiche Bestoßungen, vor allem am Diadem, der rechten Gesichtsseite (Absplitterung wohl aufgrund einer weggeplatzten Scholle im Stein), am Thron. Letztere rühren offenbar teilweise von einer unsachgemäßen neuzeitlichen Bergung oder einem Transport her. Großer Riss im Fußschemel. Zwischen Kissen und Rücken der Statue wurde versucht, die Figur mit einer Säge vom Thron zu trennen, ebenso am Ansatz der rechten Armlehne an der Rückenlehne. Verwitterungsspuren (porig offene Oberfläche) durch Wasser am Kopf, vor allem auf einem schmalen senkrechten Streifen vom Kopf über Nase und Mund, die vorspringende Brustpartie, dann von den Oberschenkeln über die Knie zu den Füßen, während die Bauchpartie und die Partien seitlich dieses Streifens nicht in Mitleidenschaft gezogen sind. Gesicht an Wangen, Schläfen und Hals bis auf Höhe der Ohren geputzt. Grauschwarzer Sinter, in senkrechten Streifen an allen Rückseiten, an Thronlehne, am Rücken und Hinterkopf der Figur, an den Hinterseiten der Thronbeine usw.; wenige Spuren von verwitterter Bemalung auf der Vorder- und Rückseite der Thronlehne, aber weniger als von Wiegand beschrieben (Wiegand 1916/17, S. 46 Abb. 2. 3; Blümel 1963, Abb. 65; Brinkmann 2003, S. 59 Kat. 194).

Inventare/Archivalien:

Inventar der Skulpturen II, S. 112 Nr. 1761, inventarisiert 15.4.1916; ANT, Rep. 1, Abt. A, Angebote und Erwerbungen, Erw 24 – 28; Erw 178.

Catalog:

Blümel 1963, S. 29–33 Nr. 21 Abb. 55–61; Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 129–132 Nr. 70 (Huberta Heres); Scholl – Platz-Horster 2007, S. 148–150 Nr. 85 (Huberta Heres); Schwarzmaier – Scholl – Maischberger 2012, S. 152–154 Nr. 84 (Huberta Heres).

Literature:

Wiegand 1916, Sp. 153–161 Abb. 75; Wiegand 1916/17, S. 45–52 Abb. 1–7 Taf. 33–44; Zancani Montuoro 1931, S. 159–174; Langlotz 1957a, Sp. 359 f.; Richter 1966, S. 25. 50 Abb. 101–103; Herdejürgen 1968; Lo Porto 1970, S. 377 f.; Holloway 1975, S. 36 f. Abb. 225. 227. 228; Borbein 1988, S. 93–98; Brahms 1994, S. 51–54. 279–281 Nr. 2; Belli Pasqua 1995, S. 39–43; Lippolis u. a. 1995, S. 97 f. Nr. B6. h7 Taf. 34 f.; Pugliese Carratelli 1996, S. 394 mit Abb. S. 395 (Claude Rolley); Steiniger 1996, S. 226–238. 286 Kat. 68 Abb. 54; Matthes 1998, S. 82–104; Bol 2002, S. 279. 325 Abb. 363 (Vinzenz Brinkmann); Mertens-Horn 2002; Brinkmann 2003, S. 59 Kat. 194 mit Abb.; Alexandridis – Heilmeyer 2004, S. 148–155 Abb. 162–169 (Annetta Alexandridis); Pergamonmuseum Meisterwerke 2005, S. 68 f. (Andreas Scholl); Trümpler 2008, S. 485–493; Conte 2011.
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Description:

Auf einem Thron mit hoher Rückenlehne sitzt eine junge Frau vollkommen aufgerichtet. Ihre Füße stehen auf einem Fußschemel. Dabei ist der linke Fuß leicht vorgestellt. Im Gegenzug ist der rechte angewinkelte Arm stärker erhoben und weiter vom Oberkörper zur Seite geführt als der linke. Der Kopf ist frontal ausgerichtet. Bekleidet ist die Sitzende mit einem Chiton, einem Schrägmantel und einem schalartigen Tuch über den Schultern. Der Chiton besitzt weite, an den Schultern genähte Ärmel und besteht aus einem weich fallenden Gewebe, das am Oberkörper senkrechte, in Wellenlinien verlaufende Falten bildet, während er über den Beinen relativ glatt bis auf die Füße herabfällt. Zwischen den Unterschenkeln entsteht ein Faltenbündel mit einer breiten Mittelbahn. Der darüberliegende Schrägmantel ist über dem rechten Arm und Schulter mit Knöpfen geschlossen und bildet einen Rüschensaum an der oberen Kante, die von der rechten Schulter bis unter die linke Achsel verläuft. Unten endet er in vier Zipfeln, von denen zwei über den Unterschenkeln liegen und zwei vor den Thronbeinen seitlich von den Schenkeln herunterfallen. In der Taille muss der Mantel gegürtet sein, denn der obere Teil schlägt als Bausch auf den Oberschenkeln auf. Das Schultertuch schließlich liegt hinten über Rücken, Schultern und Oberarmen. Die beiden oberen Zipfel sind über die Unterarme nach innen geführt und liegen auf den Oberschenkeln, während die beiden längeren Zipfel in Faltenkaskaden und wie vom Luftzug nach hinten bewegt unter den Armlehnen des Thrones hindurchgefädelt nach unten fallen.
Die Haare sind in der Mitte gescheitelt und verlaufen in die Stirn rahmenden Wellen in Richtung auf die Ohren, werden aber an den Schläfen von hängenden Haarschlaufen überschnitten. Hinter den Ohren hingen jeweils drei lange gelockte Strähnen auf Brust und Oberarme herab. Eine Stephané trennt das Stirnhaar von dem in einer Haube zusammengefassten Haar am Ober- und Hinterkopf. Das gedrehte Band, mit dem die Haube auf dem Kopf festgehalten wurde, ist unter dem Diademrand sichtbar. Außerdem trug die Sitzende Sandalen, von denen nur die Sohlen und ein quer über die Zehen verlaufender Riemen plastisch angelegt sind.
Thron und Fußschemel lassen die Holzbauweise erkennen. Die Thronbeine besaßen im unteren Drittel Einziehungen mit Rotellen an den Ansätzen und in der Mitte sowie gegeneinander gestellte Voluten am Übergang zur Sitzfläche (vorne plastisch ausgearbeitet). Sowohl Sitz als auch Lehne sind mit einem großen Kissen gepolstert. Außerdem hatte der Thron zwei Armlehnen, von denen die rechte im hinteren Drittel durch ein gedrechseltes Säulchen gestützt wird, das auf der linken Seite wegen des dort befindlichen Schalzipfels kein Gegenstück gehabt haben kann. Der Fußschemel besaß ursprünglich vier Löwenfüßchen und in der Seitenansicht eine Verzierung aus einer eingetieften herzförmigen Fläche, jedoch mit abgeschnittener Spitze, die in der Mitte von einem aus Voluten hervortretenden Zwickelblatt geteilt wird. An der Rückseite des Thrones sowie – nur im Streiflicht sichtbar – auf der Vorderseite hinter der linken Schulter ist auf dem obersten Brett der Lehne ein eingeritztes senkrechtes Rautenmuster angebracht, während hinten auf dem zurückspringenden Balken unterhalb der Sitzfläche noch ein ursprünglich aufgemaltes Palmettenmuster zu erkennen ist. Weitere Bemalungsspuren ließen sich auch mit UV-Licht nicht mehr erkennen. Ein großer quaderförmiger Block stützt die Sitzfläche des Thrones, ist aber in der Vorderansicht hinter den Beinen verborgen.

Dating:

Adolf H. Borbein (Borbein 1988) arbeitet in seiner detaillierten Analyse heraus, dass der unteritalische Künstler das neue, bereits der Klassik angehörende Schema des Kontraposts gekannt haben muss. Insofern bezeichnet er die altertümlichen Züge, gerade im Gesicht, als „archaistisch“ (S. 97). Ein weiteres Indiz für die nacharchaische Entstehung der Thronenden liegt auch in der durchgehenden Konsistenz der Gewänder, wie sie in Athen erstmals an der Propyläenkore (Athen, Akropolismuseum, Inv. 688, Richter 1968, S. 102 f. Nr. 184 Abb. 587–590; Bol 2002, S. 325 Abb. 362) auftritt.
Vergleicht man das Verhältnis von Körper und Gewand jedoch mit dem etwa um 460 entstandenen Ludovisischen Thron (Rom, Museo Nazionale Romano, Inv. 8570, Pugliese Carratelli 1996, S. 392 f. 704 Kat. 189), der ebenfalls in Unteritalien geschaffen sein wird, ist die Thronende klar älter, da die Gewänder den Körper und seine Bewegung stärker verdecken. Auch die Gesichter der Frauenfiguren an den Metopen des Tempels E aus Selinunt, heute im Museum von Palermo (Langlotz 1963, S. 80–83 Taf. 106. 108–111. 113), wirken bereits jünger (vgl. auch Steininger 1996, S. 114 zu den Gewändern). Demnach wird die Statue um 480/70 v. Chr. entstanden sein.

Generation:

Die bei Ernst Langlotz geschilderte Fundgeschichte (Langlotz 1957a, Sp. 359), wonach die Statue aufrecht stehend in einem unterirdischen zisternenartigen Raum gefunden wurde, passt nicht mit den senkrecht verlaufenden Sinterspuren zusammen, nach denen die Figur über einen langen Zeitraum auf dem Rücken gelegen haben muss (Hinweis Dipl.-Restaurator Wolfgang Maßmann). Insofern kann die Statue nicht bereits in der Antike dort verborgen worden sein. Außerdem sprechen die Verwitterungsspuren an zahlreichen Bruchstellen dafür, dass einige Beschädigungen bereits in der Antike eingetreten sind. Carl Blümel (Blümel 1963, S. 29) notiert, dass die Hände schon in der Antike gefehlt haben müssen und dass der Rand des Diadems beschädigt war. Doch haben sicher auch schon die hinter dem rechten Ohr beginnenden Haarsträhnen, der Rand des Ohres (jeweils aufgrund des Sinters) sowie ein Teil der vordersten herabhängenden Haarsträhne auf der linken Seite und die linke Armlehne gefehlt.
Bei der rechten Armlehne ist eine antike Reparatur nachzuweisen, da man das gedrechselte Säulchen (aufgrund des Sinters antik) als Stütze unter einen Bruch der Lehne geschoben und mit einem senkrechten Dübel befestigt hatte. (Der genaue Anbringungsort war durch eine helle Stelle auf der Sitzfläche deutlich sichtbar, so dass man die Teile 1925 wieder richtig anbringen konnte). Ein weiteres Dübelloch findet sich in der Bruchfläche der Armlehne vorne, dort wo die vordere Stütze fehlt – es stammt vermutlich ebenfalls von der Reparatur. Das gedrechselte Zwischenstück, das kein Gegenstück auf der anderen Seite besaß, passt auch stilistisch nicht zu dem Throntypus mit geraden Beinen und muss eine spätere Zufügung sein. Wie die vorderen Stützen der Armlehnen aussahen, ist unklar. Es gibt auf der rechten Seite aber eine rechteckige hellere Spur, auf der sie gesessen haben dürfte. Möglicherweise waren diese Stützen figürlich gestaltet (z. B. wie am Relief einer Thronenden vom Harpyiengrab aus Xanthos im British Museum London, Inv. B 287, Richter 1966, S. 25 Abb. 100). Die Löcher oben an der Rückenlehne könnten zur Wiederanstückung einer Palmette gedient haben, vgl. die Terrakottathrone in Athen (Nationalmuseum, Inv. 12408, Richter 1966, S. 27 Abb. 119) oder bei der böotischen Terrakottastatuette in der Münchner Antikensammlung (Inv. 6660, Richter 1966, S. 27 Abb. 117). Das Rautenmuster, das vom Verwitterungsrelief der Bemalung auf Vorder- und Rückseite des obersten Teils der Thronlehne stammt, interpretiert Vinzenz Brinkmann plausibel als Andeutung von Flechtwerk (Brinkmann 2003, S. 59; im Katalog unter Nr. 194 spricht er dagegen von einem über die Thronlehne gebreiteten Tuch, wofür es sonst keine Anzeichen gibt).
Was die Armhaltung und die fehlenden Attribute in den Händen angeht, hat bereits Carl Blümel eine Tarentiner Tonform für die Terrakottafigur einer Sitzenden in der Berliner Antikensammlung (SMB-PK, ANT, Inv. 30990, Blümel 1963, S. 31 Abb. 60. 61; Kriseleit – Zimmer 1994, S. 39 f. Abb. 1 a. b) herangezogen, die der Thronenden in vielen Zügen ähnelt, auch wenn sie nicht völlig übereinstimmt. Die Terrakotte hatte in der rechten eine Omphalosschale, in der linken Hand ein undefinierbares Objekt, möglicherweise eine Frucht oder ein Alabastron. Insofern hat die Ergänzung der Thronenden mit einer Omphalosschale in der Rechten viel für sich. In der Linken wird meist eine zweite Schale oder eine Frucht bzw. Ähre o. ä. erwartet. Da die Armmuskulatur an der Großplastik auf der linken Seite jedoch anders gestaltet ist und der Arm weiter in Richtung auf das linke Knie reichte, scheint mir eine zweite Schale allerdings unwahrscheinlich.
Gerade der Nachklang in der Tarentiner Terrakottenform (aus dem späteren 5. Jh. v. Chr.) bildet ein gewichtiges Argument dafür, in der Thronenden das Kultbild einer Göttin zu sehen. Die Spendeschale, die u. a. bei Hades und Persephone auf den lokrischen Pinakes vorkommt (Mertens-Horn 2005/2006, S. 34 Abb. 24), ist dann als Zeichen für die Göttlichkeit der Dargestellten zu deuten, da die Götter nach den Forschungen von Nikolaus Himmelmann (Himmelmann 2003, S. 8–51) beispielhaft die Opfer vollziehen, die ihnen zukommen.
Die Thronende dürfte mit ihren reichen Kleidern, dem mit Metalleinlagen geschmückten Diadem und den ursprünglich aus Metall bestehenden Ohrringen als frisch vermählte Braut zu verstehen sein. Denn der Thron ist das Möbel, das der jungen Frau in Zusammenhang mit diesem Statuswechsel zukommt.
Da die Statue aus Unteritalien stammt und Persephone dort als eine der wichtigsten Göttinnen und die Braut par excellence verehrt wurde, der Mädchen vor der Hochzeit ihre Gaben brachten, dürfte die „Tarentiner Göttin“ am ehesten Persephone meinen. (Eine abweichende Deutung auf Aphrodite vertritt Madeleine Mertens-Horn 2002, S. 405–415, besonders aufgrund des Sakkos. Dieser kann allerdings auch bei Artemis oder Persephone vorkommen und ist insofern kein untrügliches Indiz für die Liebesgöttin. Haube zusammen mit einem Diadem ist indessen bei Aphrodite nicht geläufig). Ob sie im Tarentiner Heiligtum der Persephone am Pizzone stand (Zancani Montuoro 1931, S. 167–169), muss Spekulation bleiben. Auffällig sind aber die oben beschriebenen Verwitterungsspuren im Gesicht und auf den Füßen, so als ob lange Zeit ein feiner Wasserstrahl über die Nasenpartie heruntergelaufen wäre. Wie diese Spuren zu einer Aufstellung in einem geschlossenen Kultraum passen, muss offen bleiben.
Die ebenfalls geäußerte Vermutung, es handele sich bei der „Tarentiner Göttin“ um eine in einem Grabnaiskos aufgestellte Grabstatue, lässt sich mit diesen Befund gleichfalls nicht in Einklang bringen, da man dann stärkere Wetterspuren beispielsweise an den Seiten der Unterschenkel erwarten würde. Auch sind Grabstatuen dieser Größe und Qualität in Tarent für das frühe 5. Jh. v. Chr. m. W. bisher nicht nachgewiesen (vgl. Steininger 1996, S. 228–230).
Insofern scheint eine Funktion als Götterbild der Persephone in einem Heiligtum die wahrscheinlichste Lösung. Möglicherweise hängen die oben beschriebenen Spuren einer Reparatur auch mit einem antiken Transport und dann vielleicht einem Funktionswandel zusammen. Es spricht zudem viel dafür, dass die Figur auch in beschädigtem Zustand noch aufgestellt war.
Enzo Lippolis (Lippolis u. a. 1995, S. 97 f.) schließt aus den Fundberichten, dass die Statue im Bereich der „Thermae Pentascinenses“ gefunden wurde, einer spätestens trajanischen Thermenanlage, die aber im Bereich einer griechischen Nekropole mit Kultplätzen (Votivdepots) erbaut wurde. (Da Persephoneheiligtümer häufig im Bereich einer Nekropole lagen, wäre dies immerhin denkbar. Nach Langlotz 1957a, Sp. 360 soll die Statue bei der Auffindung von Votivterrakotten umgeben gewesen sein, die aber sämtlich verloren sind). Die Thermen hätten spätestens in ihrer Phase nach einer Restaurierung im 4. Jh. n. Chr. ältere Skulpturen in musealer Aufstellung enthalten.

Reception:

Seit Dez. 1915 im „Oberlichtsaal“ des Alten Museums ausgestellt. Nach dem Ankauf tobte in der Presse, befördert durch den Soprintendente von Bruzio und Lucania, Edoardo Galli, ein jahrelanger Streit, ob die Thronende eine Fälschung sei.
SMB-PK, ANT, Neg. Sk 5641 vom Nov. 1934 zeigt die Aufstellung im Saal der Skulpturen des 5. Jahrhunderts v. Chr. im Hauptgeschoß des Alten Museums vor einem Vorhang (Rohde 1968, S. 24 Abb. 9. Abb. 10 die Aufstellung der Thronenden von Carl Blümel im Pergamonmuseum nach der Rückkehr der Antiken aus der Sowjetunion).
Restaurierung 1996. Dabei wurde die Kopfhaltung nach den Ansatzspuren an der Rückseite verändert, nämlich ganz leicht zur rechten Seite geneigt (Conte 2011, S. 17 Abb. 12, Schnittfläche des Halses nach Abnahme des Kopfes).