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53322: Porträtkopf der Kleopatra VII.

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Porträtkopf der Kleopatra VII.

Inventory number:

1976.10

Author:

Gertrud Platz-Horster; Clarissa Blume (zur Polychromie)

Provenience:

1976 aus dem Kunsthandel München erworben; angeblich zuletzt in Privatbesitz New York, davor in französ. Privatbesitz. (Jahreszahlen-Inventar, S. 58).
„Zuletzt bei Oliver in Rom American Acad. n. französ. Angabe von Griechen aus Alexandria mitgebracht“ (handschriftlicher Nachtrag. Wolf-Dieter Heilmeyer, Jahreszahlen-Inventar, S. 58).
Angeblich gefunden an der Via Appia zwischen Ariccia und Genzano; aus der Sammlung Despuig auf Mallorca (Higgs 2001, S. 203–207).

Dimensions:

Max. H. 29,5 cm, H Kinn – Scheitel 20,5 cm, Kinn – Haaransatz 15 cm; Max. B. in Höhe der Schläfen 16 cm; max. T. Nasenspitze-Haarknoten 22,5 cm.

Material and technique:

Großkristalliner Marmor, durchscheinend, weiß, leicht gelblich; durch die Bearbeitung blieben die Kristallflächen sichtbar, die einen fast alabasterartiger Eindruck der Oberfläche vermitteln.
Das hintere linke Drittel von Kopf, Haarknoten, Hals und Schulteransatz war ursprünglich gesondert gemeißelt. Die fast senkrechte und plane Fläche mit Anathyrose ist innen mit einem Zahneisen gepickt. Der Befestigung diente ein quadratisches Dübelloch (2,2 x 2,2 x 4 cm). Die Anstückung wurde einst vielleicht durch Vergoldung verdeckt, von deren Grundierung Reste violetter Farbe in Stirnhaar und Diadem zeugen könnten. Die Büste hat eine leicht konvexe Einsatzfläche mit geglättetem Randschlag.
Während Gesicht, Hals und Diadem auf Hochglanz poliert sind, wurde das Haar rauer belassen.

Zur Polychromie: Auch wenn sich an den Gesichtsdetails wie der Augenpartie oder den Lippen keine Farbreste erhalten haben, ist im Vergleich zu anderen Skulpturen derselben Zeit davon auszugehen, dass diese farbig gestaltet waren (vgl. etwa ein Porträt Berenikes II. in Morlanwelz, Mus. Royal de Mariemont, Inv. B 264: Blume, im Druck 1, Nr. 75).
Auffällig ist eine violette Färbung des Marmors im Bereich des Haares und des Diadems. Im Gegensatz zu einst aufgemalter Farbe, deren Reste in der Regel auf der Marmoroberfläche aufliegen, wirkt diese Substanz wie in den Marmor eingesogen. Obwohl die violette Färbung das Gesicht klar ausspart und erst am Haaransatz einsetzt, erstreckt sie sich nicht auf das gesamte Haar und Diadem.
Während die violette Substanz an der rechten Kopfseite zum Hinterkopf hin schwächer zu werden scheint und am Haarknoten nicht feststellbar ist, endet sie an der linken Kopfseite und Kalotte bereits im Bereich des Diadems und färbt hier nicht die dahinter folgende Haarpartie.
Vergleichsbeispiele von ähnlichen violetten, eingesogen wirkenden Substanzen lassen annehmen, dass diese mit einer Blattgoldauflage zusammenhängen und dass es sich bei diesen um Korrosionsspuren von hier einst aufgelegtem Blattgold handelt (vgl. Athen, Archäologisches Nationalmuseum, Inv. 1827: Blume 2010, S. 245 Abb. 196. 250). Dass es sich bei violetten Substanzen auf antiken Skulpturen um kleinste Goldpartikel von korrodiertem Blattgold handeln kann, konnte Heinrich Piening empirisch belegen und am 17.09.2011 beim „Round Table Meeting on Ancient Sculptural Polychromy“ in London vorstellen. Die Interpretation der violetten Färbung des Haares und des Diadems lassen daher davon ausgehen, dass zumindest das Diadem blattvergoldet war. Darüber hinaus wird auch das Stirnhaar, möglicherweise jedoch das gesamte Haar vergoldet gewesen sein.
Zusätzlich zu der violetten Substanz haben sich am Stirnhaar Reste einer rötlichen Substanz erhalten. Ob es sich hierbei um Reste einer antiken Farbfassung handelt, kann in diesem Fall nur durch naturwissenschaftliche Untersuchungen geklärt werden. Falls die rötliche Substanz einer antiken Farbfassung zuzuschreiben ist, könnte sie sowohl von einer früheren Fassung stammen, die das Porträt vor der Blattgoldauflage gestaltete, als auch von einer Akzentuierung des goldenen Haares mit rötlichen Haarsträhnen (vgl. dazu die Haargestaltung des Diadumenos in Athen, Archäologisches Nationalmuseum, Inv. 1826: Blume , im Druck 1).
Die Untersuchungen wurden mit einem Mikroskop und ultraviolettem Licht unterstützt.


Condition:

Kleinere Verletzungen an ihrer rechten Braue, an Spitze und rechtem Flügel der Nase, an der Schläfe in Höhe des rechten Augenwinkels, an der linken Kinnlade; der Rand des rechten Ohrs ist abgebrochen, eine größere Abplatzung am und über dem Diadem links hinten. Haarknoten gebrochen und wohl bei der Ergänzung um 1800 geklebt. Offenbar wurde der Kopf bei dieser Gelegenheit mit Säure gereinigt. Versinterungen an den Verletzungen und an der Stückungsfläche der Rückseite sowie an der Schrägung des Büstenabschnitts.

Completions:

Die neuzeitliche Ergänzung von Hinterkopf mit Haarknoten, Hals und Schulteransatz in Marmor (s.u.) war mit Hilfe eines kleinen runden Dübelloches über dem quadratischen antiken Loch angebracht und der Kopf in eine Gewandbüste eingefügt worden (1976 entfernt). Seither ist der Kopf mittels einer Stahlplatte, für deren Verschraubung die beiden alten Dübellöcher verwendet wurden, an einem senkrechten Stahlstift befestigt, der in einem Steinsockel sitzt.

Inventare/Archivalien:

Jahreszahlen-Inventar, S. 58.

Catalog:

Heilmeyer u. a. 1988, S. 10 f.; Schwarzmaier – Scholl – Maischberger 2012, S. 252–254 Nr. 144.

Literature:

Vierneisel 1980, S. 5–33; La Rocca 1984, S. 51 Abb. 46 f.; Hofter 1988, S. 306 f. Kat. 144; Grimm 1998, S. 132–134; Moreno 1994, S. 745–750. Abb. 919; Abb. 7.3; Higgs 2001, S. 203–207 (zur Herkunft aus der Sammlung Despuig); Vatikan-Büste: Higgs 2001, S. 218 Nr. 196; Berliner Kopf: Higgs 2001, S. 220 Nr. 198; Andreae 2001, S. 211–218 Nr. 207. Abb. 207; Andreae 2006, S. 20–26 Kat. 2. Abb. 6. 7. 9; zum Münzporträt S. 130–135 (G. Weill Goudchaux); Vorster 2007, S. 294 f. Abb. 280 a–d; Blume, im Druck 1.
Zum Abkürzungsverzeichnis

Description:

Etwas unterlebensgroßer Kopf einer jungen Frau mit Hals und dreieckigem Büstenansatz. Die leichte Kontraktion ihrer rechten Gesichtshälfte samt der Achsen von Augen- und Wundwinkeln deuten eine geringe Neigung zu ihrer rechten Seite an. Das zarte Gesicht kennzeichnen die großen Augen unter weit geschwungenen Brauen, die in die lange spitze Nase überleiten, und die bogenförmige Lippenspalte mit deutlich vollerer Unterlippe über dem festen Kinn. Ausgeprägte Nasenflügel und hoch gezogene Wundwinkel steigern den energischen Ausdruck. Die gewellten Haare sind beiderseits des Mittelscheitels in je vier eingedrehten Strähnen nach hinten geführt und zu einer Schlaufe eingeschlagen; diese ‚Melonen’-Frisur ergänzt ein kleiner Bausch über der Stirn; flache Hakenlöckchen rahmen Stirn, Schläfen und Nacken. Ein breites glattes Diadem umschließt den Oberkopf und verjüngt sich unter dem Nackenknoten.

Dating:

Anhand der Münzemissionen (s.u.) ist eine Datierung um 50–38 v. Chr. wahrscheinlich; der vermutete Fundort würde eine Eingrenzung auf die Jahre vor 44 v. Chr. nahe legen.

Generation:

Das Berliner Porträt ähnelt Münzemissionen von Kleopatra VII., aus Alexandria ab 51 v. Chr. und aus Askalon/Palästina ab 49 v. Chr.: Sie zeigen die Königin mit der breiten Königsbinde der ptolemäischen Herrscher über der traditionellen ›Melonen‹-Frisur mit Nackenknoten und kleinen Stirnlöckchen veristisch scharf mit ihrer lange Hakennase samt geblähten Flügeln, dem selbstbewusst geschwungenen Mund und dem energischen Kinn. Dies entspricht der Gattung und dem Zeitgeschmack. Das idealisierte Berliner Bildnis, einst wohl in eine Gewandstatue eingesetzt, veredelt die sensible Bildhauerarbeit im großkristallinen durchscheinenden Marmor.
Als Tochter Ptolemaios' XII. Auletes im Jahr 69 v. Chr. geboren, bestieg Kleopatra achtzehnjährig gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Bruder Ptolemaios XIII. den Thron und versuchte, die über Jahrtausende führende Herrschaft Ägyptens vor dem Zugriff des aufstrebenden Imperium Romanum zu retten. Hoch gebildet und zielstrebig, geistreich und sprachgewandt, von starker persönlicher Ausstrahlung, gewann sie 48 v. Chr. den römischen Feldherr C. Julius Caesar; er legitimierte ihre Regentschaft und den gemeinsamen Sohn Kaisarion. Bei ihrem Besuch in Rom hielt sie als ägyptische Königin Hof in einem Hause Caesars und erregte den Argwohn der Republikaner. Caesars Ermordung am 15. März 44 setzte ihren Plänen ein jähes Ende. Es ist wenig wahrscheinlich, dass ihr Porträt in den folgenden Machtkämpfen zwischen Marcus Antonius und Octavian/Augustus bis zu ihrem Tod nach dem Fall von Alexandria am 1. August 30 v. Chr. in der Umgebung von Rom aufgestellt wurde.

Reception:

Die wohl um 1800 in Marmor gefertigte Ergänzung des Kopfes samt Gewandbüste wurde nach der Erwerbung für die Antikensammlung entfernt und magaziniert; sie bewiesen jetzt die Herkunft der Berliner Kleopatra aus der Sammlung Despuig auf Mallorca. Kardinal D. Antonio Despuig y Damet, Fürst von Montenegro, hatte zwischen 1786 und 1797 Ausgrabungen in einer römischen Villa an der Via Appia südlich von Rom zwischen Ariccia und Genzano unternommen und die Funde seiner Sammlung einverleibt. Sollte auch die Berliner Skulptur dort gefunden sein, so kann das Porträt, das als Einsatzkopf aufgrund seines leicht unterlebensgroßen Formats vermutlich in einem privaten Kontext aufgestellt war, aus einer der dortigen Villen der römischen Nobilität stammen. Vor der Ermordung Caesars hielt sich die damals 25-jährige „Regina“ erneut bei Rom auf, wie M. Tullius Cicero im Mai 44 v. Chr. an seinen Freund T. Pomponius Atticus berichtete (Cic., Att. 14.8.1; 14.20.2).
Schon 1784 war in der Villa der Quintilier an der Via Appia südlich von Rom die Einsatzbüste (Rom, Mus. Vaticani, Mus. Gregoriano Profano Inv. 179) einer ptolemäischen Königin in natürlicher Größe gefunden und von Papst Pius VI. erworben worden; die fehlende Nase wurde damals sehr ähnlich der erhaltenen des Kopfes Despuig ergänzt, obwohl erst Ludwig Curtius 1933, S. 182–192, den Kopf im Vatikan als Bildnis der Kleopatra VII. identifizierte: Somit haben sich vermutlich beide Köpfe zu Ende des 18. Jahrhunderts in Rom befunden (Dazu Higgs 2001, S. 203–207).