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53182: Artemis, sog. Artemis Colonna

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Artemis, sog. Artemis Colonna

Inventory number:

Sk 59

Author:

Janina Rücker nach Fendt 2012, 2; Astrid Fendt (Rezeption).

Provenience:

Gefunden Ende 1793 von Robert Fagan auf dem Grundbesitz des Prinzen Colonna in „Feudo di Rocca di Papa“, Macchia della Molara, Tenuta della Riguardata (Bignamini 2010, S. 133 f.). Erworben 1822 in Rom aus dem Pal. Colonna für Friedrich Wilhelm III. über Barthold Georg Niebuhr (Vogtherr 1997, S. 167).

Measurements:

H. 186 cm; B. 85 cm; T. 23 cm; Haaransatz−Kinn 17 cm; Äußerer Augenabstand 9 cm.

Material/Technique:

Kopf mit Hals: weißer, großkristalliner Marmor mit braunen Flecken; Körper mit Plinthe: weißer, fein− bis mittelkristalliner Marmor mit graubraunen Flecken; Oberfläche geschliffen, auf der Vorderseite modern überschliffen.

Preservation:

Erhalten ist der Kopf, Körper mit Plinthe und rechtem Fuß, beide Arme bis zu den Fingerspitzen, Teil des Köchers auf dem Rücken; Bohrlöcher an beiden Ohrläppchen.

Additions:

Ergänzt sind in weißem, mittelkristallinen Marmor die Nase, ein Teil der Kalotte, der rechte Ellenbogen, Teile des Gewandes ca. 14 Gewandfaltenvierungen, der linke Fuß mit Gewandsaum, zwei Zehen am rechten Fuß, Vierungen an der Plinthe und die Kontraplinthe. In Gips ergänzt sind die Schultern und das linke Handgelenk sowie ein Teil der Plinthe neben dem linken Vorderfuß.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen I, S. 18 Nr. 59

Catalogs:

Tieck 1830, S. 9 Nr. 32; Tieck 1832, S. 8 Nr. 32; Gerhard 1836, S. 45 f. Nr. 32; Verzeichnis 1885, S. 16 f. Nr. 59; Conze 1891, S. 30 f. Nr. 59; Kurze Beschreibung 1911, S. 11 Nr. 59; Kurze Beschreibung 1922, S. 16 Nr. 59 Taf. 20; Blümel 1938, S. 27 f. K 243 Taf. 59–61; Antikensammlung 1992, S. 142 Nr. 49; Katalog Gipsformerei 2001, Taf. 8 Nr. 110.

Bibliography:

Levezow 1824, S. 28 f.; Levezow 1828, S. 317; Boxberger 1882, S. 124; Klein 1898, S. 344; BrBr I, Nr. 251; Kekulé von Stradonitz 1907, S. 134 f. 286; Schröder 1911, S. 34–48 Abb. 1. 2. 5; Schröder 1914a, S. 142; Schröder 1915, S. 543 Abb. 10; Kekulé von Stradonitz 1922, S. 131–134; Amelung 1923/24, S. 48 f.; Lippold 1950, S. 291 Anm. 1; Giglioli 1955, S. 579; Dohrn 1957, S. 214 Anm. 58. 67; Rohde 1968, S. 105; Linfert 1969, S. 12. 27 f. 39. 41 f. 44 f. 80; Bieber 1977, S. 88 f. Abb. 356 f.; LIMC II (1984) S. 638 f. Nr. 163 s. v. Artemis (L. Kahil); Bol 1990, S. 310 Anm. 8 Nr. A 1 (A. Linfert); Beck u. a. 1990, S. 611 f. Nr. 137 (H. Heres); Fuchs 1993, 221 f.; Vogtherr 1997, S. 167; Boardman 1998, S. 100 f.; Heilmeyer 2005, S. 12 Abb. 4; Fendt 2012, 2, S. 238−244 Nr. 55.
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Description:

Die lebensgroße weibliche Statue ist mit einem dünnen langen Gewand (Chiton) geschmückt und bewegt dargestellt. Das Gewand ist an den Schultern geknüpft, wird über der straffen Brust durch das quer von der rechten Schulter herab liegende Köcherband in zahlreiche Falten gedrückt und unter dem linken Arm zu einem überfallenden Bausch aufgenommen. Die Falten werden dabei beim Schreiten vom Luftzug rückwärts getrieben. Die Überschläge des Chitons fallen bis auf ihre Oberschenkel herab. Ihr linkes Bein ist einen Schritt nach vorn gestellt und das rechte dabei weit zurückgesetzt. Ihren linken Arm streckt sie schräg nach vorne; den rechten winkelt sie nahe dem Köper an. Durch diese Haltung verlagert sie ihren gesamten Körper leicht nach vorne. Ihr Kopf ist nach links gewendet; ihr Blick geht ins Weite. Auf ihrem Rücken ist ein Köcher zu erkennen, dessen Gurt diagonal über ihre Brust verläuft. Ihre Stirn ist hoch und wird durch ihr Haar dreieckförmig umrahmt. Dieses ist von wellenden Strähnen durchzogen. Um den Kopf ist eine einfache Binde gelegt, welche ihre Frisur schmückt. Ein Zopf fällt bis auf ihre Schulter, ist aber in der Mitte noch einmal mit einem Band umwickelt. Die ergänzten Füße sind mit sandalenähnlichen Schuhen geschmückt.

Dating:

Römische Kopie nach einem Vorbild aus der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. (Fendt 2012, 2, S. 240 Nr.55).
Sowohl der Kopf als auch die Figur, die beide in mehrfachen Wiederholungen vorhanden sind, gehen auf Originale griechischer Zeit zurück, während es sich bei diesem Berliner Stück um eine Kopistenarbeit handelt. Der Kopf steht dabei dem Typus der Praxitelischen Köpfe nahe (Vergleich Sk 63 / 67). (Conze 1891, S. 30−31 Nr. 59).

Interpretation:

Obwohl diese weibliche Figur nur ein einziges Attribut, den die Göttin charakterisierenden Köcher bei sich trägt, lässt sie sich als Artemis identifizieren. Als Jagdgöttin ist sie auch in diesem Moment in hastiger Bewegung dargestellt, während sie womöglich jetzt zu einem Pfeil aus ihrem Köcher greift um daraufhin ein Tier zu erlegen. Den Namen des Typus Artemis Colonna erhielt sie nach dem Fundort auf den Besitztümern des Fürsten Philip Colonna.

Reception:

Die Statue wurde nach ihrer Auffindung in Rom von dem dortigen Restaurator Vincenzo Pacetti restauriert und mit Händen und Bogengriff in der Linken, Gewandfalten, Köcher, dem linken Fuß sowie einer Kontraplinthe vervollständigt. Der antike Kopf und die beiden antiken Arme wurden angefügt. Unter den Zeitgenossen fand die ‚Artemis Colonna’ eine besondere Aufmerksamkeit. Ihre Erwerbung aus dem Nachlass des Fürsten Colonna war bereits 1822 von dem preußischen Gesandten in Rom, Barthold Georg Niebuhr, wohl durch Beratung des Bildhauers Emil Wolff vorgeschlagen und von Friedrich Wilhelm III. genehmigt worden (Vogtherr 1997, S. 167). Konrad Levezow rühmte den Ankauf als eine „schätzbare Vermehrung“ der Königlichen Sammlung (Levezow 1824, S. 28 f.) und wies darauf hin, dass "der daran befindliche ursprüngliche Kopf [...] immer für einen der schönsten Dianenköpfe gehalten worden [ist]“ (Levezow 1828, S. 317). Die Bedeutung der Erwerbung kam auch darin zum Ausdruck, dass Mitte der 1820er Jahre ausführliche Nachforschungen in Auftrag gegeben worden sind, um den Fundort zu ermitteln (Vogtherr 1997, 167).
Die Statue wurde 1830 mit den bestehenden Ergänzungen im Kompartiment 5 des „langen Hauptsaales“ im Königlichen Museum aufgestellt (Tieck 1832, S. 8 Nr. 32; Heilmeyer 2005, S. 12). Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde über die Ergänzung der Attribute in den Händen diskutiert, materiell jedoch keine Veränderung vorgenommen. Eduard Gerhard, der der Statue eine schwärmerisch anmutende, adelige Schönheit zuschrieb, schlug beispielsweise Fackeln anstelle von Pfeil und Bogen vor (Gerhard 1836, S. 45 f. Nr. 32).
Im späten 19. Jahrhundert ließ die Begeisterung für die ‚Artemis Colonna’ merklich nach. Im “Verzeichnis” von 1885 sprach man bereits von dem „vielfach überschätzten Berliner Exemplar“. Hier sowie im Conze-Katalog von 1891 wurde gegen eine Zusammengehörigkeit von Kopf und Körper plädiert aufgrund einer Bemerkung in den Ausgrabungsberichten, die Statue sei „senza testa“ gefunden worden, sowie der unterschiedlichen Ausarbeitung des Haares am Kopf selbst und im Nacken (Verzeichnis 1885, S. 16 f. Nr. 59; Conze 1891, S. 30 f. Nr. 59). Reinhard Kekué von Stradonitz hingegen, der sich über mehrere Jahre hinweg intensiv mit der Figur beschäftigt und Vergleichsrecherchen an Repliken in Rom anstellt hatte (DAI Berlin, NL Kekulé, 12, B 28, 2–3, Bl. 19–32), revidierte die Einschätzung seiner Vorgänger. Er hielt den Kopf für zum Körper zugehörig, datierte das Original in früh- und nicht wie seit Gerhard angenommen in spätklassische Zeit und empfand die Ergänzungen grundsätzlich nicht als störend (Kekulé von Stradonitz 1922, S. 131–134). Fotografien aus dem Jahr 1897 belegen eine Ent- und Umrestaurierung der Berliner ‚Artemis Colonna’ unter seine Leitung im Herbst desselben Jahres (SMB-PK, ANT, Neg.-Inv. Sk 815, 818a–b, 819a–b). Kekulé von Stradonitz hatte einige von Pacetti angefertigte Ergänzungen an für die Interpretation neuralgischen Stellen wie das Haarzwischenstück, den Bogengriff in der linken Hand, das untere Ende des Köchers und die Schultern entfernen lassen. Dabei scheint er den rechten Arm etwas gesenkt neu ausgerichtet zu haben. An mehreren Stellen am Gewand, an der Plinthe und den Armen ließ er Gips- anstelle der früheren Marmorergänzungen anbringen. Einige davon wie beispielsweise die große Gipsergänzung des Gewandes auf der Rückseite wurden bei der partiellen Entrestaurierung 1990 wieder entfernt.
Restaurierung für die Polyklet-Ausstellung 1990 (Notiz Huberta Heres auf Karteikarte ANT) Christel Teller – Boris Meyer (Dokumentation vorhanden): Demontage, Reinigung, Montage unter Beibehaltung der Marmorergänzungen, Veränderung der Armhaltung, Entfernen der Gipsergänzungen am Gewand im Rücken, an den Schultern und dem linken Handgelenk, Neuanfertigung von Gipsergänzungen für die Schultern und das linke Handgelenk;
Re-Restaurierung, Berlin, Haug – Weiß, November 2011 – Januar 2012: Ersetzen der Gipsergänzungen durch Ergänzungen aus Acrylmörtel, Re-Restaurierung der Gewandergänzung am Rücken aus Gips, bildhauerische Neuanfertigung der Finger an beiden Händen in Marmor durch A. Hoferick, Berlin, Konservierung historischer Eisendrehkranz auf der Unterseite der Plinthe (Dokumentation vorhanden).