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36044: Porträtkopf des Antinoos auf moderner Büste

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Porträtkopf des Antinoos auf moderner Büste

Inventory number:

Sk 366

Author:

Semra Mägele

Provenience:

1742 von Friedrich II. aus der Slg. Polignac erworben. Der Kopf befand sich bis 1830 in Schloss Charlottenburg, danach erfolgte die Abgabe an das Königliche Museum (Hüneke 2009; Eintrag im Skulptureninventar).

Measurements:

H. 52 cm; B. 34,5 cm; T. 36 cm; H. Kinn − Scheitel 23 cm.

Material/Technique:

Weißer, feinkristalliner Marmor.

Preservation:

Der Kopf war in zwei Teile gebrochen; die rechte Braue ist leicht bestoßen; auf der Kalotte sind Verwitterungsspuren. Im Gesicht sind Spuren von Überarbeitung erkennbar.

Additions:

Ergänzt sind die Büste mit dem unteren Teil des Halses, Teile der Augen, Nase einschließlich Mund, Kinn und einzelne Partien des Haares. Von den Flügeln sind einzig die zur Stirnmitte ansetzenden Partien antik. Hals mit Büste und Sockel sind modern und entsprechen der sog. Polignacsockelung; Ergänzungen der Flügel fehlen zum Teil (Notiz Huberta Heres auf Karteikarte ANT).

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen I, S. 106 Nr. 366.

Catalogs:

Oesterreich 1774, Nr. 89; Tieck 1832, S. 21 Nr. 142; Gerhard 1836, S. 90 Nr. 142; Verzeichnis 1885, S. 72 f. Nr. 366; Conze 1891, S. 149 Nr. 366; Blümel 1933, S. 24 f. Nr. R 58 Taf. 37; Hüneke 2009, S. 276 Abb. S. 276 Nr. 156 (Astrid Dostert).

Bibliography:

Dietrichson 1884, S. 245 f. Nr. 109 Abb. 39; Clairmont 1966, Nr. 59 Taf. 34, 1; Zanker 1974, S. 100 Anm. 37; Meyer 1991, 112 f. Nr. III 1; Backe 2005, S. 27 Nr. 5.
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Description:

In dem überlebensgroßen Kopf ist Antinoos, der Liebling des Hadrian, dargestellt. An seiner Identifikation besteht trotz der reichen Ergänzungen im Gesicht kein Zweifel: Die geradlinig geführten Augenbrauen mit den zum Rand hin anschwellenden Orbitalen entsprechen dem Haupttypus, wie er durch die in Berlin befindlichen Repliken Sk 361 oder Sk 363 überliefert ist. Das breitere Gesichtsoval des Haupttypus ist in diesem Fall in ein spitzeres Oval umformuliert. Gänzlich anders im Vergleich zum Haupttypus ist der Bildnisentwurf: Basierend auf der griechischen Götterikonographie kombiniert er eine klassizistische Idealfrisur, die Frisuren von hochklassischen Werken, wie sie eine Athena Lemnia oder Hera Farnese überliefern, reflektieren (vgl. Kopf in Berlin Sk 179 im Typus der Hera Farnese: Hüneke 2009, S. 206 f. Nr. 96 [Astrid Dostert]; Meyer 1991, S. 111 f.). Die Frisur des Antinoos zeigt schmale und wellenartig geschwungene Strähnen, die vom Wirbel kommend nach allen Seiten gekämmt und von einem gedrehten Band gehalten sind. Die in die Stirn fallenden Strähnen sind gescheitelt und seitwärts über Schläfen und Ohren gekämmt sowie im Nacken zu einem Schopf zusammengedreht. Die von den Strähnen eingefasste Stirn bildet dabei ein hohes Dreieck. Vor den Ohren und beidseitig aus dem Nackenzopf hat sich jeweils eine Locke gelöst. Anstelle der bei den übrigen Repliken vorhandenen Haarschlaufen über den Schläfen (vgl. Kopf aus der Slg. Stauß, einst in Berlin SMB-PK, ANT, Inv. Sk 365: Hüneke 2009, S. 275 Nr. 155 [Astrid Dostert]) zeigt die hier betrachtete Antinoos-Replik am Band befestigte Flügel, die nicht zuletzt für die Interpretation von Bedeutung sind.

Dating:

Wie alle Antinoos-Bildnisse ist auch dieser Kopf in den Zeitraum zwischen 130–138 n. Chr. einzuordnen, womit das Todesjahr des Jünglings und das Ende der Regierungszeit Hadrians erfasst ist. Stilistische Parallelen zu hadrianischen Bildwerken, wie sie in den langen Haarsträhnen mit den tiefen und breiten Bohrkanälen zum Ausdruck kommen, bestätigen die Datierung (vgl. Isiskopf und Dionysoskopf in Holkham Hall: Angelicoussis 2001, S. 96 Anm. 11 zu Nr. 10; S. 143 Anm. 2 zu Nr. 144).

Interpretation:

Der Kopf stellt eine von insgesamt sechs Wiederholungen im Typus Mondragone dar. Bei der namengebenden Replik handelt es sich um eine stärker variierte Wiederholung in kolossalem Format, die zwischen 1713–1729 bei Frascati gefunden und zunächst in die Villa Mondragone der Borghese und schließlich 1808 nach Paris in den Louvre gelangte (Inv. Ma 2105: de Kersauson 1996, S. 154 f. Nr. 63; zum Typus: Meyer 1991, S. 111–123; Söldner 2010, S. 234). Der im Gegensatz zum Haupttypus stärker idealisierende Bildnisentwurf wird von dem heute verschollenen Kopf aus der Sammlung Stauß am getreuesten überliefert (Hüneke 2009, S. 275 Nr. 155 [Astrid Dostert]). Der Typus Mondragone korrespondiert angesichts der Idealisierung zudem mit der ebenfalls geringen ägyptisierenden Überlieferung des Antinoos (Meyer 1991, S. 119–128; Söldner 2010, S. 233 f.).
Die an der Berliner Replik angegebenen Flügel sind eine singuläre Variante des Typus Mondragone. In der Götterikonographie stellen sie das Hauptattribut des Gottes Hermes dar (vgl. Kopf in Berlin SMB–PK, ANT, Inv. Sk 1833: Scholl – Platz-Horster 2007, S. 186 Nr. 109). Folglich wurde auch der Berliner Antinoos als Hermes identifiziert, jedoch angesichts der für Hermes-Darstellungen in der Regel benutzten Kurzhaarfrisur konnte sich diese Deutung nicht durchsetzen (vgl. Meyer 1991, S. 113). In Analogie zu einer allerdings selten überlieferten Darstellungsform des Dionysos mit Flügeln fand die Gleichstellung des Antinoos mit diesem Gott allgemeine Akzeptanz (vgl. Meyer 1991, S. 113). Diese Annahme besitzt zwar vor dem Hintergrund der vorherrschenden Gleichsetzung des Antinoos mit Dionysos seine Berechtigung, ist jedoch angesichts der besonders im griechischsprachigen Raum bekannten Identifikation des Antinoos mit Hermes nicht zwingend (vgl. Kuhlmann 2002, S. 225–229).

Reception:

Der Kopf war in der Vergangenheit nicht nur mit der Deutungsproblematik, sondern auch mit der Frage nach der antiken Authentizität konfrontiert. Noch in der Slg. Polignac wurde die Büste als Merkur interpretiert und folglich mit einer maßgleichen Büste des Apollon aufgestellt (Potsdam, Schloss Sanssouci, Inv. SPSG, Skulpt.slg. 189: Hüneke 2009, S. 88–92 Nr. 45 [Detlev Kreikenbom]). Ebenso erkannten auch Oesterreich und Dietrichson in dem Bild zunächst keinen Antinoos (nach Oesterreich 1774, Nr. 89 handelte es sich um eine Muse; Dietrichson 1884, Nr. 109). Während Clairmont in seiner Abhandlung über die Antinoos-Porträts keine Zweifel an der Identifikation besaß, verneinte Helga von Heintze die antike Authentizität nicht nur der Berliner Repliken, sondern auch der im Louvre befindlichen, namengebenden Wiederholung des Typus Mondragone (von Heintze 1971 a, S. 397).