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33905: Athena mit der Kreuzbandägis

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Athena mit der Kreuzbandägis

Inventory number:

AvP VII 22

Author:

Jörg-Peter Niemeier, Clarissa Blume (zur Polychromie)

Provenience:

Pergamon, 1880 im westlichsten Raum hinter der Nordstoa des Athenaheiligtums zusammen mit AvP VII 23 entdeckt. Der Kopf wurde 1881 nördlich neben diesem Raum gefunden (Winter 1908, 1, S. 13).

Dimensions:

H. 187 cm.

Material and technique:

Kleinkristalliner, leicht gelblich-grauer Marmor.
Der separat gearbeitete Kopf war in den Körper eingelassen. Das vordere Glied des Daumens sowie der Zeige- und Mittelfinger der linken Hand sind gesondert gearbeitet und mit Metallstiften angestückt. (JPN)
Die Textur der Steinoberfläche wurde zwischen den einzelnen Bildelementen unterschieden. Besonders stark geglättet ist die Hautpartie. Auch der Peplos hat eine ebene, aber weniger stark geglättete Textur. Die Ägis setzt sich dadurch weiter ab, dass ihre Oberfläche mit dem Zahneisen minimal aufgeraut wurde, während die Sandalensohlen an den Seiten mit einer gleichmäßigen tiefen Schraffur charakterisiert sind. (CB)

Zur Polychromie: In der linken Hand bzw. am linken Arm trug die Göttin ein Objekt, das separat gearbeitet und an die Marmorskulptur angesetzt wurde. Die separate Fertigung sowie Parallelen an anderen hellenistischen Skulpturen legen die Vermutung nahe, dass die Göttin einen Schild hielt, der statt aus Marmor aus einem oder mehreren anderen Materialien gearbeitet war. Die Grundfarbe oder ein mögliches Dekor des Peplos kann zurzeit nicht mehr bestimmt werden. Bei der Auffindung der Skulptur waren am Saum des Peplos zwar noch „Farbspuren“ erkennbar, doch wurden zu diesen keine näheren Angaben gemacht (Winter 1908, 1, S. 14). Nur an der Unterseite des Gewandes (zwischen den Füßen der Göttin) finden sich noch heute Reste einer rostroten Fassung. In der Regel wurden solche Bereiche an hellenistischen Skulpturen, die primär der Stabilität einer Statue dienten und für den Betrachter bestmöglich ausgeblendet werden sollten, schwarz gefasst (siehe etwa die schwarze Fläche zwischen zwei Klinenbeinen bei der Terrakottafigur London, British Museum, Inv. 1885.3-16.1, in: Blume , im Druck 1). In einigen Fällen wählte man für solche Partien dagegen eine Farbe, die an jene benachbarter Bereiche oder gar an die Wand im Hintergrund der Statue anpasst war (siehe etwa den rostrot gefassten Bereich zwischen der hellroten Sohle des Schuhs und der rostroten Plinthe einer Musenstatue im Liebieghaus Frankfurt, Inv. 162, oder die blaue Stützstrebe einer Aphroditestatue, die vor einer blau gefassten Wand des Hauses der Poseidoniasten auf Delos aufgestellt war, Athen, Archäologisches Nationalmuseum, Inv. 3335, beide Beispiele in: Blume , im Druck 1). Diese Beobachtung stützt die These, dass die rostrote Unterseite des Gewandes der Göttin an die Grundfarbe oder Saumfarbe des Peplos angepasst war. Ob die Farbe jedoch den Lokalton des Gewandes wiedergibt oder als dunklere Nuance für den schattigeren Bereich diente, muss offen bleiben (zum Vergleich für die Abschattierung von Gewandpartien siehe etwa einzelne Faltentäler einer Musenstatue auf Delos, Archäologisches Museum, Inv. A 4128, in: Blume , im Druck 1).
An der Ägis der Göttin konnten zum Zeitpunkt der Auffindung noch hellblaue Farbreste festgestellt werden, die dafür sprechen, dass sie einen hellblauen Lokalton hatte. Wie man noch heute sieht, setzten sich davon der obere Saum sowie die Schlangen des apotropäischen Behanges mit roter Farbe ab.
Die Seiten der Sandalensohlen waren dreigeteilt gestaltet. Das obere und untere Drittel zierten Ornamentbänder. Während das obere Band nicht mehr rekonstruierbar ist, handelt es sich bei dem unteren um ein Wellenband auf rotem Grund. Zwischen den beiden Ornamentbändern waren die Sandalen mit einer oder zwei ägyptisch-blauen Zierlinien gestaltet.
Die Untersuchungen wurden mit einem Mikroskop, ultraviolettem Licht sowie Fotoaufnahmen im Infrarot-Bereich (VIL) unterstützt. (CB)

Condition:

Der rechte Arm ab Mitte Oberarm, das vordere Daumenglied der linken Hand, der Zeige- und Mittelfinger fehlen, gebrochene Stücke des linken Oberarmes und der linken Hand wurden wieder zusammengefügt. Der Hals ist nur in Fragmenten erhalten. Reste der Bemalung an Ägis und Saum des Gewandes waren bei Auffindung noch zu erkennen. Wenig rote Farbe erkennt man in den tieferen Falten zwischen den Füßen und an den Sandalen (Winter 1908, 1, S.14).
Der Kopf ist seit der Verbringung der Skulpturen in die Sowjetunion 1945-1955 nicht auffindbar (Miller 2005, S. 69).

Completions:

Fehlende Teile des Halses waren an dem originalen Kopf in Gips ergänzt; der Kopf ist seit der Aufstellung 1955 durch einen Abguss ersetzt.

Catalog:

Winter 1908, 1, S. 13-25; Führer 1902, S. 41; Miller 2005, S. 69 (Kopf).

Literature:

Furtwängler 1896, S. 539-542; Lippold 1923, S. 18-20; Krahmer 1925, 67-83; Niemeier 1985, S.24-27, 62-63. 129-136; von Prittwitz und Gaffron 2007, S. 255; Blume, im Druck 1; Blume 2015.
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Description:

Das Attribut der Ägis, die über Brust und Rücken gekreuzt erscheint, bezeichnet die Statue als Athena. Die stark bewegte, frontal ausgerichtete Göttin mit dem rechten Stand- und dem linken Spielbein ist mit einem Chiton bekleidet. Sie trägt Sandalen. Das Haar liegt eng am Kopf an und ist nach hinten gekämmt. Oberhalb des Nackens ist es in einem Schopf zusammengefasst. Möglicherweise waren Teile des Haares oder ein Kranz an beiden Seiten angestückt, wie je ein Stiftloch unterhalb des Haaransatzes nahelegen.

Dating:

Die nächsten stilistischen Parallelen bietet der Kopf der Persephone/Nyx am Nordfries des Großen Altars (dazu s. zu Athena Parthenos AvP VII 24). Er zeigt eine identische berstende Gespanntheit und zusammenhängende Bewegung. Der Umriß der Stirn verläuft halbkreisförmig, die Augäpfel sind kugelig, die Lider rundlich fleischig gebildet. Der Mund der Athena ist nicht additiv gegeben, sondern liegt in einem bewegten, spannungsreichen Inkarnat. Die Form des Mundes ist mit dem der Nyx nahezu identisch. Folgerichtig lassen sich solche stilistischen Parallelen auch im Gewandstil finden. Das Gewand der Nyx - s. das Detail am Spielbein - schmiegt sich ähnlich an das Bein an, die Falten entstehen aus dem Stoff heraus und erzeugen eine kraftvolle, spannungsgeladene Bewegung.Die lang gezogenen, schlaufenartigen und räumlich gestalteten Falten des Kolpos zeigen die gleiche Stofflichkeit beim Gewand des Dionysos vom Südrisalit oder bei der Phoibe des Südfrieses.
Siebziger Jahre des 2. Jh. v.Chr.

Generation:

Die Athena mit der Kreuzbandägis wurde bereits bei der Entdeckung als klassizistische Schöpfung erkannt. Sie zeigt ein ausgesprochen vielschichtiges Verhältnis zu ihrem Vorbild. Entsprechend unterschiedlich fällt die Analyse zur Stellung des Vorbildes oder der Vorbilder aus (Niemeier 1985, S. 129 - 136).

Die Athena Ince Blundell weist zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der Pergamenerin auf. (Die wichtigste Replik ist die namengebende Statue in Liverpool; Ashmole 1929, S. 6-7, Nr 8, Taf. 10. 11). Das Vorbild datiert in die Zeit um 400 v. Chr. Während die Athena in Liverpool eine Kragenägis trägt, ist die der Athena aus Pergamon über dem Oberkörper gekreuzt. In der Haltung stimmen beide bis in die Details überein. Sie tragen einen gegürteten Peplos, der leicht gesenkte Kopf neigt sich zur rechten Seite. Der linke Arm, vom Oberkörper abgespreitzt, hängt in einer sanften Bewegung zum Betrachter herab. Die Handhaltung scheint identisch. Der rechte Oberarm liegt am Körper an. Leicht differiert nur das Standmotiv. Die Gewanddrapierung stimmt bis auf die durch das Motiv der gekreuzten Ägis verursachten Veränderung überein.
Die Köpfe weichen sowohl in der Kopfbedeckung wie in der Frisur voneinander ab. Möglicherweise waren, wie einige Stiftlöcher nahelegen, Haarteile oder ein Metallband angestückt (Winter 1, 1908, S. 17). Die angedeuteten Abweichungen machen wahrscheinlich, dass sowohl der hellenistische wie auch der römische Bildhauer einen Statuentypus aus der Zeit um 400 v. Chr. zum Vorbild nahmen.
Die Veränderungen sind jedoch signifikant. Den Kopf brachte schon Bulle 1925, S. 73-76 mit Köpfen des Myron in Verbindung, Langlotz 1963, S. 83–84 verglich einen Athenakopf aus Tarent, den er kurz nach der Mitte des 5. Jhs. v. Chr. datiert. Tatsächlich kann man an Köpfen dieser Zeit mit ihrem strengen Ausdruck, der Behandlung des Inkarnats, der Proportionierung und der Formgebung des Mundes Verwandtschaften feststellen.
Breite, kantige und stark unterschnittene Falten charakterisieren den Gewandstil der Athena mit der Kreuzbandägis. Der römische Kopist der Athena Ince Blundel folgt bei der Reproduktion dagegen dem Stil des Vorbildes aus der Zeit um 400 v.Chr. Parallelen zum Gewandstil der Kreuzbandägisathena finden sich dagegen bei Statuen aus der Zeit um 430 wie der Amazone Typus Sciarra oder der ‚Schutzflehendenden Barberini‘. Als nächste Parallele zur Athena führt Krahmer 1925, S. 74-75 die Artemis von Ariccia an.
Die Athena mit der Kreuzbandägis folgt also im Typus, in Standmotiv, Arm- und Kopfhaltung, einem Vorbild um 400 v.Chr. Ihr Kopf jedoch steht Vorbildern aus den 40er Jahren des 5. Jhs. nahe. Die Gewandanlage und ihr Stil zeigen Tendenzen aus den 30er Jahren des 5. Jhs. Die pergamenische Statue ist somit ein eklektisches Werk und das erste dieser Rezeptionsweise. Das Reproduktionsverfahren unterscheidet sich jedoch von den eklektischen Schöpfungen kaiserzeitlicher Bildhauer. Der römische Bildhauer fügt einzeln kopierte Teile zu einem neuen Werk zusammen (s. z. B. den Spinario: Zanker 1974, S. 71 94).

Der hellenistische Bildhauer schafft ein in seiner Struktur hellenistisches Werk (Krahmer 1925, bes. S. 69-83; Niemeier1985, S. 133-136). Er arbeitet nach Motiven klassischer Statuen. Die Athena mit der Kreuzbandägis ist ein Werk in klassischem Habitus. Dabei verwendet der Künstler nachahmend Vorbilder verschiedener Zeitstufen. Ob man dieses Verfahren nun als Neuschöpfung oder Neukonzeption bezeichnen mag, ist zweitrangig; entscheidend ist ein vielschichtiges Rezeptionsverhalten. Diese ausgesprochen akademische Sehweise klassischer Plastik ist nur unter dem Einfluß kunsthistorischer Studien am pergamenischen Hof vorstellbar.

Reception:

Im alten Pergamonmuseum 1901-1909 ausgestellt.