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2360: Medea-Sarkophag

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Medea-Sarkophag

Inventory number:

Sk 843 b

Author:

Gertrud Platz-Horster

Provenience:

Gefunden 1887 in einem Grab ca. 700 m vor der Porta San Lorenzo in Rom beim Ausheben der Fundamente des Eckhauses an der Via Tiburtina und der Via degli Ausoni, zusammen mit einem Riefelsarkophag des 3. Jhs. sowie zwei Porträts. Erworben 1890 durch Vermittlung von Heinrich Dressel (Inventar der Skulpturen II S. 68 Nr. 1450).

Measurements:

B (Vorderseite) 227 cm; (rechte Seite) 223 cm; H 64-67 cm; T li. 79 cm; re. 76 cm.

Material/Technique:

Marmor, leicht durchscheinend, weiß, graugelb verfärbt, fein- bis mittelkristallin. Stark unterschnitten, Oberfläche poliert. Einige Stützen, die freiplastisch gearbeitete Teile mit dem Reliefgrund verbinden, sind spiralig gestaltet. Laut Conze 1891, S. 533: „Am oberen Randstreifen mehrere Reste von Vergoldung.“

Preservation:

Vorzüglich erhalten; keine Farbreste. Abgebrochen: linker Fuß des Jason an der linken Ecke samt Standleiste, Penis des Jason im Brautgemach, Schwert in der rechten Hand der Medea vor Kreusa, an deren erhobenem rechten Ellbogen ein Puntello, Unterarm des bärtigen Kriegers auf der rechten Nebenseite samt Schwert in Scheide.

Additions:

Ergänzt ist ein Teil des Bodens und der unverzierten Rückseite mit einem Stück der linken Nebenseite („300 Mk“ laut Inventar). Die Vorderseite war zweimal gebrochen, die Seitenwände je einmal.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen II S. 68 Nr. 1450.

Catalogs:

Conze 1891, S. 531-533 Nr. 843 b; Kurze Beschreibung 1922, S. 67 Nr. 843b; Blümel 1946, S. 42 f. Abb. 23-24; Schwarzmaier – Scholl – Maischberger 2012, S. 215 Nr. 120 (Platz-Horster).

Bibliography:

Zu Auffindung und Erwerb: Visconti 1887, S. 204; Ludwig von Urlichs, MdI 3, 1888, 98; Ludwig von Urlichs, Ein Medea-Sarkophag. 21. Programm des von Wagner’schen Kunstinstituts (1888) 1-22; Weiß 2007, S. 49 Anm. 193.

Robert 1890a, S. 213 f. Nr. 200 Taf. LXIV (ohne einige erst nachträglich angefügte Bruchstücke); Koch - Sichtermann 1982, S. 159-160; LIMC VI (1992) S. 124 s. v. Kreousa Nr. 3.19; LIMC VI (1992) s. v. Medeia Nr. 51; Schulze 1998, S. 82, 114 A S 26 Taf. 38, 1. 2; 41. 1; Zanker – Ewald 2004, S. 82-84, 115, 336f. Nr. 20; Backe-Dahmen 2008, S. 34 Abb. 13.
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Description:

Der Sarkophag schildert den letzten „Akt“ der Sage um Medea, ihren Mann Jason und die gemeinsamen Söhne am Hofe des korinthischen Königs Kreon, dessen Tochter Kreusa (Glauke) Jason heiratet, in vier Szenen. Medea schickt der Braut durch ihre Kinder ein goldenes Diadem und ein kostbares Gewand zur Hochzeit; Kreusa empfängt die Knaben anmutig auf dem Thron des geschmückten Palastes, den drei tuskanische Säulen andeuten; Medeas alte Amme begleitet die Kinder, dazwischen der Brautführer mit Mohnkapseln; links betrachtet Jason gelassen die Übergabe der Geschenke. Die Verknüpfung zur nächsten Szene bilden die Hände des Brautpaares: die aufgestützte der Kreusa und die locker herabhängende des im Zentrum des Reliefs stehenden Jason, der – von einem Speerträger begleitet, Helm und Schild am Boden – auf die entsetzliche Wirkung der Geschenke blickt. Kaum hat Kreusa die vergifteten Gaben angelegt, schießen Flammen aus dem Diadem hervor und verbrennen die vergeblich vom Podest ihres Bettes Fliehende bei lebendigem Leibe; ihr herbeieilender Vater Kreon rauft sich die Haare. Ein Vorhang im Hintergrund fasst die Szene im Brautgemach zusammen. Rechts folgt der nächste Mord: Die beiden nackten Knaben tollen arglos beim Ballspiel in der Palästra, während ihre Mutter Medea in Mantel, Chiton und Stephane hinter ihnen bereits mit der rechten Hand das Schwert gezückt hat, um ihre geliebten Kinder zu töten und so ihre Rache an Jason zu vollenden. In der letzten Szene besteigt die göttliche Königstochter Medea mit aufgelöstem Haar den Drachenwagen des Helios, der sie mit den Leichen ihrer Kinder in den Himmel entrücken wird; einen Knaben hat sie geschultert, die Beine des anderen hängen aus dem Wagen.
Die beiden Schmalseiten des Sarkophags zeigen – flüchtig in Flachrelief gemeißelt – Jason mit wehender Chlamys bei der Bändigung der beiden wilden Stiere in Kolchis (links) und Jason mit Schild und Lanze neben einem bärtigen Argonauten mit Schild und Schwert zwischen drei Pfeilern stehend (rechts).

Dating:

Stadtrömisch, um 140-150 n. Chr.

Interpretation:

Der Berliner Medea-Sarkophag gehört zu einer Gruppe von 16 inhaltlich und zeitlich zusammengehörenden Exemplaren, die kompositorisch alle demselben Schema folgen. Sie schildern die 432 v. Chr. in Athen aufgeführte Tragödie des Euripides in vier »Akten«; der griechische Dichter hatte eine alte Sage aufgegriffen und mit seiner »Medeia« eine der eindrucksvollsten Frauenfiguren der Weltliteratur geschaffen. Die vorbildliche Bedeutung der griechischen Sagen für die römische Kunst wird besonders in den Reliefs der Sarkophage greifbar. Die mythologischen Sarkophage bilden die größte Gruppe in einer Gattung, die erst im frühen 2. Jh. n. Chr. mit der Körperbestattung begann. Zuvor hatte man in Rom während der Republik und der frühen Kaiserzeit die Toten verbrannt und in Aschenurnen beigesetzt.
Hochzeit und Tod, entsetzlicher Schmerz im glücklichsten Augenblick einer jungen Frau: Am mythischen Gleichnis der griechischen Tragödie wurde dem römischen Betrachter 600 Jahre später das tragische Schicksal der Bestatteten vor Augen geführt. Der Mythos diente als Lebenshilfe für die Hinterbliebenen, als Hoffnung auf Entrückung jenseits von irdischem Leiden und Todesangst.