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2259: Porträt eines Afrikaners, Memnon (?)

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Porträt eines Afrikaners, Memnon (?)

Inventory number:

Sk 1503

Author:

Hans Rupprecht Goette

Provenience:

Am 29.7.1899 von Direktor Hugo Bruckmann in München für 5000 Frs. gekauft, wohl aus der Thyreatis stammend, vermutlich in der Villa des Herodes Atticus beim Kloster Loukou nahe Astros gefunden (Inventar der Skulpturen II, S. 76 Nr. 1503; Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 116 Nr. 63).

Measurements:

H. 27 cm; B. 16 cm; T. 21 cm.

Material/Technique:

Rot bis dunkelbraun patinierter, feinkristalliner (wohl pentelischer) Marmor.

Preservation:

Unter dem Kinn ist der Hals in schräger Richtung nach hinten aufsteigend gebrochen, am Bruchrand im Nacken ragt ein kleiner Marmorrest über die sonstige Oberfläche vor; es fehlt die Nase, ein Teil der Unterlippe und fast die gesamte rechte Ohrmuschel; leichtere Oberflächen-Beschädigungen auf der linken Stirnseite, am rechten Orbital, auf der rechten Wange, in der Kinnmitte und an der linken Ohrmuschel; im Haar und Bart sind die Oberflächen z. T. verrieben. Sog. Raspelspuren auf der Haut vor dem linken Ohr und im Nacken; geringe Sinterreste im Nacken.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen II, S. 76 Nr. 1503.

Catalogs:

Kurze Beschreibung 1922, S. 101 Nr. 1503 Taf. 74; Blümel 1933, S. 30 f. Nr. R 73 Taf. 45; Heres u. a. 1985, S. 93 f. Abb. 76; Kunze 1992 b, S. 213 Nr. 103 mit Abb.; Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 116 Nr. 63.

Bibliography:

Schrader 1900 a; Arndt – Bruckmann, Nr. 689. 690; von Bissing 1909, S. 31 Taf. 7; Hekler 1912, S. 44 Taf. 281; Graindor 1915 a, S. 402 f. Abb. 1. 2; Studniczka 1921, S. 339; Kekulé von Stradonitz 1922, S. 369 mit Abb.; Schröder 1923 a, S. 13 Taf. 14; Schröder 1923 b, S. 12 Taf. 1 a. b (Abb. mit und ohne Versinterung); Lippold 1923, S. 260 Anm. 32; Picard 1926, S. 444; Beardsley 1929/1967, S. 132 Nr. 289 Abb. 24 a. b; Graindor 1930, S. 114 f. 131. 150. 228 Abb. 3. 4; Hekler 1940, S. 129; Schefold 1943, S. 178 mit Abb.; Harrison 1953, S. 7; Charbonneaux 1957, S. 76 Abb. 14; SMB 1958, Nr. B 80 mit Taf.; Buschor 1960, S. 135–139 Abb. 92; Weber 1960, S. 20 Anm. 6; EAA IV 1961, S. 1001 Abb. 1191 s. v. Memnone 2 (G. Sena Chiesa); Blümel 1963 a, S. 20–24 Abb. 11; Schuchhardt 1969, S. 179; Karusu 1969, S. 260 Taf. 84, 1; Richter 1965, S. 287 Abb. 2050; Bianchi Bandinelli 1971, S. 297 Abb. 273; Snowden 1976, S. 238 mit Anm. 318 Abb. 336–338; Datsouli-Stavridi 1978, S. 230 Abb. 14; Meyer 1985, S. 402 f. Taf. 89, 2; Phaklaris 1990, S. 96−104 mit Anm. 319; Balty 1991, S. 17 Taf. 14, 2; Datsouli-Stavridi 1993, S. 51 f. Taf. 41; Petrakos 1995, S. 109–112 Abb. 51; Tobin 1997, S. 97–99. 228 Nr. 5; Schefold 1997, S. 334 f. Abb. 212; Goette 2001 a, S. 240 f. Abb. 65–68; Goette 2001 b; Galli 2002, S. 148 f. (ohne Behandlung dieses Porträts); Heilmeyer 2002, S. 682 Nr. 541 (I. Romeo); Goette –Weber 2004, S. 122–126 Abb. 55; Fless u. a. 2006, S. 156 Nr. 414 mit Abb. (Benjamin Bernat); Goette 2008, 195 Abb. 5.
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Description:

Der lebensgroße, leicht zu seiner Rechten gewandte Kopf zeigt klar formulierte afrikanische Züge: schmale, bisweilen längliche, gedrehte Löckchen liegen eng am Haupt an und erreichen hier und da mittels Punktbohrungen ein wenig Plastizität; die fliehende Stirn endet in einem deutlichen Wulst über den Brauen; die großen, vorgewölbten Augen mit bohnenförmiger Bohrung und Irisring sind durch breite Lider gerahmt, von denen das obere weit über den Augapfel herabfällt; die Nase ist bei den Flügeln besonders breit; und der Mund weist wulstige Lippen auf, die obere tritt dabei deutlich über die untere vor. Der Kopf hat eine gleichmäßig ovale Grundform, aus der die Wangenknochen etwas hervorstehen und von der das Kinn als eigene, in der Kontur fast eckige Form absticht. Diese entsteht auch deshalb, weil ein schütterer Bart aus kleinen, flach anliegenden Löckchen das Kinn und den unteren Teil der Wangen neben dem Mund bedeckt; zudem zieht er auch in schmalen Streifen zu den Ohren hinauf und begleitet zuseiten des Philtrums die Oberlippe. Alle physiognomischen Merkmale sind in überaus feiner Weise gebildet, sehr differenziert und nuanciert gestaltet; nicht nur das Inkarnat, auch das Haar des Bartes wie des Kopfes bezeugt mit seinen variationsreichen, lebendigen Formen einen meisterhaften Bildhauer.

Dating:

Für die Datierung steht – neben der wahrscheinlichen, freilich nur aufgrund des nicht völlig bewiesenen Fundortes erschlossenen Benennung des Porträts – nur die Form der Augengestaltung zur Verfügung. Sie erinnert an Bildnisse aus attischen Werkstätten, die um die Mitte des 2. Jhs. n. Chr. und im anschließenden Jahrzehnt entstanden sind, etwa Porträts des Herodes Atticus oder seines Zöglings Polydeukion (s. Berlin, SMB-PK, ANT, Inv. Sk 413); beim Portrait des Lucius Verus in Athen (Archäologisches Nationalmuseum, Inv. 3740; Kaltsas 2002a, S. 345 Nr. 732) findet man ähnliche Haarbildung im Schnurrbart neben den Mundwinkeln wie bei diesem Bildnis. In Haar- und Gesichtsmodellierung steht unserem Porträt – wie schon Blümel erkannt hat – die aus pentelischem Marmor, also in einer athener Werkstatt gearbeitete qualitätvolle Büste eines 'Philosophen' antoninischer Zeit im Museum von Heraklion aus Lyttos besonders nahe (Inv. 230; Lagogianni-Georgakarakos 2002, S. 66 Nr. 27 Taf. 31).
Man hat in der Forschung (Meyer 1985, S. 402 f.; Ameling 1988, S. 62–70; Meyer 1989 c, S. 119–122; Tobin 1997, S. 107–109) versucht, aufgrund historischer Gegebenheiten und epigraphischer Zusammenhänge einer Datierung der Porträts der drei Trophimoi des Herodes Atticus, insbesondere des Polydeukion, auch mit außerstilistischen Mitteln näher zu kommen; die kontroverse Debatte führt letztlich nicht zu sicheren Ergebnissen, und daher mag man sich damit begnügen, daß der entweder zwei oder drei Jahrzehnte umfassende Zeitraum, in dem das Berliner Bildnis geschaffen worden sein kann, wenn es denn Memnon darstellt, mit dem Tod des Herodes im Jahr 177 (oder 179) n. Chr. begrenzt ist.

Interpretation:

Die deutlich auf einen Afrikaner weisenden Charakteristika und der angebliche Herkunftsort des Kopfes, die Thyreatis, wo beim Kloster Loukou eine große Villa des Herodes Atticus zunächst vermutet, nun auch ausgegraben wurde, haben schon immer zu der Deutung des Bildnisses als Darstellung des literarisch überlieferten Trophimus namens Memnon geführt. Von jenem ist durch Philostrat bekannt, daß er aus Äthiopien stammte und in Athen bei Herodes Rhetorik lernen wollte. Zusammen mit Polydeukion und einem dritten Zögling, Achilleus, wurde er von Herodes Atticus aufgenommen. Ebenfalls aus literarischen Quellen ist bekannt, daß Herodes von seinen Trophimoi Bildnisse anfertigen ließ, die er auf seinen Besitzungen und auch in jenem Gelände aufstellte, in dem er mit den geliebten Ziehsöhnen zur Jagd ging. Dazu paßt, daß man auch epigraphische und plastische Zeugnisse jener Bildnisrepräsentation kennt, die aus Herodes' Villen und Ländereien, zudem auch aus Heiligtümern wie z. B. dem des Apollon in Delphi, des Zeus in Olympia oder der Artemis in Brauron stammen. Im Bereich der heimischen Villa bei Marathon wurden zwei kopflose Hermen gefunden, die das Porträt Memnons trugen, wie aus den gleichlautenden Inschriften hervorgeht, die den Trophimus mit einem Topas vergleichen, demnach also wohl auf seine dunkle Hautfarbe verweisen. Man hat meist vermutet, daß auch der Berliner Kopf auf einer solchen Herme aufsaß, zumal auch von den anderen Zöglingen (leider kopflose) Hermenbildnisse gefunden wurden. Doch ist festzustellen, daß die beiden bekannten Memnon-Hermen Körperausschnitte ohne jede Bekleidung zeigen, während im Nacken des Berliner Kopfes wohl der geringfügige Rest eines Mantels, an dessen Saum entlang der Kopf brach, erhalten ist. Zudem ist bei den umfangreichen Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte in der Villa beim Kloster Loukou keine weitere solche Herme entdeckt worden, freilich kopflose Büsten. Das Berliner Porträt mag also eher zu einer Büste gehört haben; in der Villa des Herodes in der Thyreatis mag es dann zusammen mit denen der anderen Zöglinge und ihrem väterlichen Mäzen in einer Bildnisgalerie aufgestellt gewesen sein – von Polydeukion und Herodes jedenfalls sind aus jenem Kontext mehrere Porträts, darunter auch die für beider Bildnisse typischen Mantelbüsten bekannt, zudem auch ein Weihrelief mit dem Bildnis des Achilleus.