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2179: Betender Knabe

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

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Catalog text

Name:

Betender Knabe

Inventory number:

Sk 2

Author:

Gerhard Zimmer

Provenience:

Rhodos, gefunden bei Arbeiten zur Verstärkung der Stadtmauern.

Measurements:

H. 140 cm; B. 43 cm; T. 64 cm; Gesicht (Kinn bis Haaransatz) 12 cm; äußerer Augenabstand 8 cm.

Material/Technique:

Zinnbronze mit geringem Bleigehalt, Herstellung im Stückeguss.

Preservation:

Die eingelegten Augen sind verloren. Die Oberfläche der Bronze wurde wohl kurz nach der Auffindung sehr grob mechanisch von der Patina gereinigt. Dabei wurde die ursprüngliche Oberfläche zerstört, und die kleinen Poren, die vom Lufteinschluss beim Guss herrühren, wurden sichtbar. Damit ist das Aussehen der Bronze stark verändert und entspricht nicht dem Bild von antiken Bronzen (Niemeyer 1997, S. 129−136).

Additions:

Beide Arme, zweiter und dritter Zeh des Standbeines, erster und zweiter Zeh des Spielbeines, kleine Partien am r. Oberschenkel und der r. Schulter. (Formigli, 1997, S. 145−150)

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen I, S. 2 Nr. 2.

Catalogs:

Oesterreich 1774, S. 14 f. Nr. 113; Tieck 1832, S. 7 Nr. 19; Verzeichnis 1885, S. 2 f. Nr. 2; Conze 1891, S. 2–5 Nr. 2; Kurze Beschreibung 1922, S. 12 Nr. 2 Taf. 46; Scholl – Platz-Horster 2007, S. 63 f. Nr. 31 (Gerhard Zimmer); Grassinger u. a. 2008, S.

Bibliography:

Conze 1886; Rohde 1968, S. 11. 86 f. Nr. Sk 2; Bloch 1978;
Gehrig 1979, S. 51 f. Nr. 52; Kabus-Preißhofen 1988; Zimmer – Hackländer 1997; Heilmeyer – Knittelmayer 1998, S. 57 f. Nr. 25 (Gerhard Zimmer); Gerlach 2002; Schwarzmaier – Scholl – Maischberger 2012, S. 105 f. Nr. 54; Bol 2007, S. 380 (Ralf von den Hoff).
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Description:

Statue eines Knaben im Kontrapost. Das entlastete rechte Bein ist leicht angehoben und zurückgesetzt. Der Kopf blickt nach oben und ist ganz leicht zur rechten Seite gewandt, die Muskelpartien sind altersgemäß weich voneinander abgesetzt. Die Haare liegen zu Locken zusammengefasst eng an und sind sorgfältig ausgeführt, während die Augen eingesetzt waren.
Die plastische Ausarbeitung des Werkes ist vorzüglich, das Standschema orientiert sich an klassischen Vorbildern. Dagegen ist die technische Ausgestaltung etwas zurückhaltend, wenn man bedenkt, dass Bronzegießer seit der klassischen Zeit in der Regel Einlagen aus Kupfer für die Brustwarzen und Lippen nutzten und Details wie die Zähne in Silber formten.

Dating:

Die bei den technischen Untersuchungen gewonnenen Details wie die schwankende und relativ dicke Wandstärke schließen eine Entstehung der Statue in späthellenistisch-römischer Zeit aus. Eine auf stilistische Kriterien gestützte Datierung hat bislang zu keinem sicheren Ergebnis geführt. Die Ähnlichkeit des Kopfes mit dem Porträt des Demetrios weist auf jeden Fall in das Umfeld von Lysipp, wobei die Überlegung, die Statue dem Teisikrates, einem Enkelschüler des Lysipp zuzuweisen, einige Wahrscheinlichkeit besitzt. Eine Datierung um 300 v. Chr. kann im Rahmen des Möglichen als sicher erscheinen (Zimmer 1997a, S. 18−20).

Interpretation:

Die Deutung hat von der unbestrittenen Tatsache auszugehen, dass die Statue die Altersstufe eines Pais darstellt. Solche Knaben im Alter von etwa 12 Lebensjahren treten im statuarischen Kontext kaum als Einzelfigur auf, sie gehören meist zu Handlungszusammenhängen. Die Rekonstruktion der Arme ist zwar fiktiv, doch zeigt die Ausarbeitung der Rückenpartie, dass die Arme auf jeden Fall angehoben waren. Die Vermutung, der Knabe habe im Zusammenhang einer Statuengruppe eine Dienerfigur dargestellt, wie wir sie z. B. auf Reliefs kennen, gewinnt auch dadurch an Wahrscheinlichkeit, weil die Ausführungsqualität der Bronze im Gegensatz zum Entwurfskonzept etwas geringer ausgefallen ist (Zimmer 1997a, S. 20).

Reception:

Die Statue gelangte 1503 im Besitz des Johanniterritters Di Martini nach Venedig. Später bildete sie den Glanzpunkt verschiedener Kunstsammlungen, gehörte Mario Bevilacqua in Verona, den Gonzaga in Mantua und war auch kurze Zeit im Besitz von Karl I. von England. Foucquet, der Finanzminister von Ludwig XIV., ließ die Arme ergänzen und stellte den Knaben in seinem Schloss Vaux-le-Vicomte auf. Weitere Besitzer waren Prinz Eugen und Wenzel von Liechtenstein, der ihn 1747 an Friedrich II. verkaufte. Die Aufstellung des Knaben auf der Terrasse von Schloss Sanssouci zeigt seine hohe Wertschätzung durch Friedrich II. 1786 wurde das Werk ins Stadtschloss überführt, gehörte 1806 zur Kriegsbeute von Napoleon I., der es in den Louvre überführen ließ. Zurück in Berlin stand der Knabe im Alten Museum und empfing wie heute die aus der Rotunde eintretenden Besucher (Hackländer 1997).

Es gibt wenige Werke, die sich unter den verschiedenen Besitzern sowohl substanziell als auch in ihrer Deutung so stark verändert haben wie der Betende Knabe. Deutlich ist aber eine klare Zweiteilung der Interpretation: Solange der Knabe im Besitz von Einzelpersonen war, für die er einen hohen Prestigewert hatte, galt er immer als „schöner Knabe“, wobei die Lebenswelt der Besitzer durchaus eine erotische Wirkung des Bildwerkes vermuten lässt. Erst in dem Moment, als der Knabe in öffentlichen Sammlungen auftrat, d. h. im Louvre in Paris, kam die Deutung als Betender auf, die sich wohl unter dem Einfluss eines zunehmend religiös orientierten preußischen Königshauses verfestigte und bis heute gehalten hat, sieht man von einem kurzen Intermezzo in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ab, als er unter dem Einfluss der Olympischen Spiele von 1936 als Sportler interpretiert wurde (Kuhn 1997, S. 42).