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104177: Statue einer Frau; sog. Tänzerin aus Pergamon

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Statue einer Frau; sog. Tänzerin aus Pergamon

Inventory number:

AvP VII 43

Author:

Carla Schmidt nach Grüßinger – Kästner – Scholl 2011 (Christiane Vorster).

Provenience:

Im März 1886 in Pergamon in einem der Gelageräume in Palast V gefunden.

Dimensions:

H.: 122 cm; B.: 40 cm; T.: 39 cm; Gesicht (Haaransatz bis Kinn): 9,5 cm; äußerer Augenabstand: 6,5 cm.

Material and technique:

Weißer, transparenter, grobkristalliner Marmor; Basis und Füße mit Teilen des Gewandes und des linken Unterarmes in Kunstmarmor ergänzt.

Condition:

Die Statue einer weiblichen Figur ist mit Kopf bis zu den Knöcheln antik erhalten. Es fehlen der rechte Arm, der ehemals gesondert gearbeitet und an einer glatten Ansatzfläche mit einem Metallzapfen befestigt war, ein Teil des linken Unterarmes, die Füße und ein Teil des Untergewandes. Der Kopf ist stark bestoßen, es fehlen Teile der Nase und des Kinns; die Gesichtsoberfläche im Bereich der linken Schläfe und der linken Wange ist abgeplatzt, Teile der Frisur im Nacken fehlen. Zahlreiche Faltenrücken sind leicht bestoßen oder abgebrochen, die Gewandoberfläche der Vorderseite zeigt vor allem auf der linken Körperhälfte großflächig dunkelbraune bis rötliche Ablagerungen. Auch auf der etwas stärker verriebenen Oberfläche der Rückseite befinden sich bräunliche Verfärbungen.

Completions:

Modern ergänzt wurden die Plinthe, die Füße und ein Teil des linken Armes und des Untergewandes; 1998 restauriert.

Catalog:

Kunze 1992 b, S. 182 Nr. 79; Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 96 f. Nr. 51; Scholl – Platz-Horster 2007, S. 114 Nr. 63.

Literature:

Kalkman 1893, S. 65; Bulle 1918, S. 21; Lawrence 1927, S. 116 Taf. 71; Heidenreich 1935, S. 686. 689 Abb. 9; Schober 1951, S. 145 f. Abb. 148; Kraus 1960, S. 149; Harrison 1965, S. 56 f. 91; Herdejürgen 1968, S. 86; Schneider 1973, S. XVIII. XXX Nr. 295; Schmidt-Colinet 1977, S. 37 Anm. 170; Fullerton 1987, S. 266–270; Brahms 1994, 261 f. 361 f. Nr. 91 Abb. 97 f.; Hackländer 1996, S. 15 Anm. 13; Kunze C. 1996a, 116 f. Abb. 5; Petersen – von der Hoff 2011 (Gonsior), S. 112 f. Nr. 20.
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Description:

Die unterlebensgroße Statue zeigt ein junges Mädchen von schmalem, überlängtem Körperbau, das mit vorgesetztem linken Bein nach vorne ausschreitet. Der rechte, vormals gesondert gearbeitete und angesetzte Arm war erhoben, die gesenkte Linke rafft das Gewand. Der Kopf blickt zur erhobenen rechten Hand, so dass die Figur von einer dynamischen Gegenbewegung erfasst wird, als wolle sie sich im Schreiten umwenden oder auf etwas hinweisen. Dem entspricht auch die Haltung des leicht ausgedrehten rechten Fußes. Die Ergänzung der Füße, die beide nur mit dem Vorderballen den Boden berühren, dürfte das Richtige treffen. Sie folgt der Haltung der durchgestreckten Beine und unterstreicht die zierlich gespreizte Bewegung der schmalen Gestalt; zudem wird sie durch typologisch entsprechende Reliefdarstellungen bestätigt (vgl. ein Relief aus Florenz: Berlin, Antikensammlung, Inv. Sk 1456; Schrader 1924, S. 348 Abb. 314; ein Relief der Slg. Albani: Rom, Slg. Albani, Inv. 967; Bol 1989, S. 296 f. Nr. 94 Taf. 172 f.; sowie zwei Fragmente aus Athen bzw. Attika: Athen, Nationalmuseum; Schrader 1924, S. 349 Abb. 315).
Das Mädchen ist in mehrere hauchdünne Gewänder gekleidet, die teilweise wie nass am Körper anliegen, teilweise üppige, tief gestaffelte Falten bilden. Über einem feingefältelten Ärmelchiton ist ein zweites ärmelloses Gewand zu erkennen, dessen feinrieselnder Stoff an Hals und Schultern von einem breiten Keder eingefasst ist. Das Erscheinungsbild bestimmt jedoch der stoffreiche Mantel, der mit tiefem Überschlag von der rechten Schulter ausgehend, über der er zusammengehalten wird, um den Körper geschlagen ist. In Anlage und Drapierung greift er motivisch das Schrägmäntelchen archaischer Koren aus dem 6. Jh. v. Chr. auf. Die tief gestaffelten Kaskaden der zierlich getreppten Faltensäume betonen Mittelachse wie Silhouette der Gestalt und verleihen ihr eine geradezu kristalline Plastizität, ohne jedoch die Dynamik der Bewegung zu bremsen.
Das weiche Gesicht mit den schwellenden Wangen, den tiefliegenden Augen und dem kleinen, vollen Mund wird von einer weich gewellten Langhaarfrisur gerahmt, bei der Stirn- und Schläfenhaare um ein Band eingeschlagen sind. Vor den Ohren und im Nacken hingen aber ursprünglich starre Spirallocken herab, die wie ein preziöser Rahmen gewirkt haben dürften (Grüßinger – Kästner – Scholl 2011 [Christiane Vorster], S. 508 f).
Die Rückseite der unterlebensgroßen Statue ist nur summarisch ausgearbeitet (Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 96 f. Nr. 51).

Dating:

Archaisierendes Werk aus der Zeit um 150–125 v. Chr. (Grüßinger – Kästner – Scholl 2011 [Christiane Vorster], S. 508 f.), das Rückgriffe auf Stilelemente der Archaik und Bildmotive der Klassik mit dem pergamenischen Zeitstil des 2. Jhs. v. Chr. kombiniert.
Nach Katrin Gonsoir sind die schraubenartige Bewegung und die Ausarbeitung der Falten, die starke Hell-Dunkel-Kontraste aufweisen, typische Merkmale der Bildhauerkunst im Hellenismus und ein Vergleich mit den Figuren des Großen Frieses am Pergamonaltar belege deren Gleichzeitigkeit. Daher spricht sie sich für eine Datierung ins 2. Viertel des 2. Jhs. v. Chr. aus (Petersen – von der Hoff 2011 [Katrin Gonsior], S. 112 f. Nr. 20).

Generation:

Der besondere Reiz der Figur beruht auf dem raffinierten Spiel mit Gegensätzen, etwa zwischen dem gespreizten Stand mit den durchgedrückten Knien und der ausgeprägten Torsion des Oberkörpers oder auch zwischen den abgezirkelten Formen des archaistischen Gewandes mit getreppten Faltenstürzen und eng an den Beinen liegenden Stoffpartien, die im Gegensatz zu dem üppigen Volumen des nach hinten ausschwingenden Mantels mit seinen tiefen Falteneinschnitten und der betont spielerischen, opulenten, reichen Faltenanlage. Ähnliche Kontraste bestimmen auch die Bildung des Kopfes, die dort bspw. aus der Kombination der in weichen Wellen gelegten Langhaarfrisur und den vor den Ohren und im Nacken hängenden, starren Spirallocken, eine Stileigentümlichkeit der archaischen Zeit, gebildet werden (Grüßinger – Kästner – Scholl 2011 [Christiane Vorster], S. 508 f.).
Insgesamt fällt auf, dass sich die Figur von anderen pergamenischen Skulpturen, die sich in der Regel in ihrer Anlage an Werken der Klassik orientieren, dadurch unterscheidet, dass Rückgriffe auf Elemente der spätarchaischen Kunst mit dem pergamenischen Zeitstil des 2. Jhs. v. Chr. kombiniert werden.
Desweiteren finden sich bzgl. der speziellen Ausführung des Bewegungsmotivs Bezüge auf den reichen Stil der Klassik durch die scheinbare Anlehnung an eine Reihe von Kalathiskostänzerinnen (vgl. exemplarisch ein Relief aus Florenz: Berlin, Antikensammlung, Inv. Sk 1456; Blümel 1931, S. 45 f. Nr. K 184 Taf. 77, eines in Rom: Slg. Albani, Inv. 967; Bol 1989, S. 296 f. Nr. 94 Taf. 172 f. und zwei Fragmente aus Athen bzw. Attika: Athen, Nationalmuseum; Schrader 1924, S. 346 Abb. 315 f.). Die Berliner Statue, die zusammen mit einer zweiten, verwandten Figur gefunden wurde, gehörte nach dieser Interpretation zu einer großen Gruppe stilistisch unterschiedlicher Tänzerinnen, die sich im späten Hellenismus offenbar großer Beliebtheit erfreuten (Kunze 1992 b, S. 182 Nr. 79).
Ein anderer Interpretationsansatz vertritt die Meinung, dass die beiden motivisch verwandten Statuen, die evtl. in einem Teil des Palastes aufgestellt waren, der besonders reich ausgestattet gewesen ist, als Gerät- oder Leuchterträger dienten. Diese Überlegung stützt sich auf die Beobachtung, dass zwar das Motiv der mit durchgedrückten Knien auf den Fußspitzen stehenden Figur AvP VII 43 den Eindruck einer tänzerischen Bewegung vermittelt, der Gestus bzw. die Haltung der Arme jedoch nicht zu einer Darstellung einer Tanzenden passen würde. Eher ließe sie sich mit dem späthellenistischen, römischen Geräteträgern vergleichen: Mit dem vorgestreckten, wenig erhobenen Arm könnte die Berliner Statue einen Leuchter empor gehalten haben (Knittlmayer – Heilmeyer 1998, S. 96 f. Nr. 51; Scholl – Platz-Horster 2007, S. 114 Nr. 63; Petersen – von der Hoff 2011 [Katrin Gonsior], S. 112f. Nr. 20).