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104121: Männliche Statue im Typus Tegel-Stockholm, mit nicht zugehörigem antiken Kopf

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

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Catalog text

Name:

Männliche Statue im Typus Tegel-Stockholm, mit nicht zugehörigem antiken Kopf

Inventory number:

Sk 531

Author:

Sascha Kansteiner

Provenience:

1755 von Wilhelmine von Bayreuth in Rom von Bartolomeo Cavaceppi oder einem Zwischenhändler erworben, 1758/59 durch Testament an Friedrich II. gelangt (Hüneke 2009, S. 362 Nr. 224).

Measurements:

H. bis zum Scheitel 153,5 cm; H. bis zum Gliedansatz 77,7 cm; H. Körper zwischen Halsgrube und Gliedansatz 46,5 cm; H. Kopf 21 cm; H. der Plinthe 7,5 cm.

Material/Technique:

Wohl Thasischer Marmor (Torso); Marmor (Kopf).

Preservation:

Antiker Torso, unter Verwendung eines antiken Hermeskopfes als Hermes mit Geldbeutel in der linken Hand ergänzt. – Das Gesicht ist tiefgreifend übergangen.

Additions:

Ergänzt sind sämtliche Extremitäten (das rechte Bein an dem unteren Drittel des Oberschenkels, das linke Bein ab der Mitte des Knies; beide Arme fast zur Gänze) einschließlich des gesamten Halsbereichs und der Basis; am antiken Kopf sind ergänzt die Nase, das Philtrum, Teile der Lippen und ein großes Stück vom linken Flügel.

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen I, S. 152 Nr. 531.

Catalogs:

Tieck 1832, S. 8 Nr. 33; Gerhard 1836, S. 46 f. Nr. 33; Conze 1891, S. 207 f. Nr. 531; Hüneke 2009, S. 362 Nr. 224 m. Abb. (U. Müller-Kaspar).

Bibliography:

Cavaceppi I 1768, Taf. 14 („or esistente in Germania“); Bauer – Geominy 2000, S. 118 Nr. 7 (zu einem Abguss des Kopfes).
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Description:

Torso eines auf dem rechten Bein stehenden Jünglings mit gesenktem rechten und angehobenem linken Arm; mit einer Chlamys bekleidet.

Dating:

2. Jh. n. Chr. (Körper): in antoninische Zeit weist die leblose Gestaltung der Chlamys; letztes Viertel des 2. Jhs. n. Chr. (Kopf), s. u.

Interpretation:

Ergänzt ist außer den Extremitäten auch der gesamte, in den Rumpf eingelassene Halsbereich (als Verbindung zwischen Körper und Kopf), was erwarten lässt, dass der getrennt vom Hals gearbeitete Kopf, der in der Größe gut zum Torso passt, antik ist: nur selten haben römische Ergänzer neue Hälse mit neuen Köpfen kombiniert, z. B. bei den 1784 verkauften Stockholmer Musen. In der Montage mit dem Hermes unmittelbar zu vergleichen ist eine als Paris ergänzte Statue im Getty Museum (ehemals Slg. Lyde Browne; vgl. Neverov 1984, S. 39 Taf. 14 Abb. 57), die jedoch bereits im ersten Viertel des 17. Jhs. von Ippolito Buzzi mit einem nicht zugehörigen Kopf versehen, ergänzt (Hals, linker Unterschenkel, Füße, Unterarme und Teil der Plinthe) und signiert (vgl. dazu demnächst C. Pizzorusso in der Publikation des Workshops „Ergänzungsprozesse“, Berlin, 25.–26.3.2011) worden ist: Cavaceppi steht mit seiner Restaurierung also ganz in alter Ergänzer-Tradition.
Im Haar befindliche Flügel – anstelle von Flügeln am Petasos – sind bei römischen Kopien als Kopistenzutat (Hermes des Polyklet im Giardino Boboli; Hermes Richelieu in Madrid) sowie bei Umdeutungen als Hermes (vgl. den Kopf SMB-PK, ANT, Inv. Sk 1833) auch sonst bezeugt. Weitreichende Zerklüftung im Haar findet man auch bei der Kopie einer Weiterbildung des Meleager in der Sala dei Busti (Smith 1988, S. 157 Nr. 10 Taf. 10) sowie bei der eben genannten Kopie des Hermes Richelieu in Madrid (Trunk 2002, S. 279–282 Nr. 80 Taf. 86 f.). Der Kopf des Berliner Hermes geht darüber noch hinaus (auffallend ist außerdem die tiefe Bohrung im Mund) und kann im Vergleich mit Porträts des Septimius Severus mit hoher Wahrscheinlichkeit in dessen Regierungszeit datiert werden, wobei auffällt, dass keine Pupillenbohrung vorhanden ist. Er ist damit eine der nicht besonders zahlreichen späten Kopien von Statuen, deren Kopf eine athletische Kurzhaarfrisur aufweist. Da das Original in der Kaiserzeit als Hermes umgedeutet worden ist, liegt die Annahme nahe, dass es ursprünglich einen Athleten (in der Größe steht z. B. der sog. Dresdner Knabe nahe) zeigte; es lässt sich indes nicht ausschließen, dass die Figur zu einer mythologischen Gruppe wie etwa derjenigen der Niobiden gehört hat. Stilistisch steht der Kopfreplik in London (s. u.) der Athlet Typus Chiaramonti (vgl. zuletzt Kansteiner 2011, S. 165) so nahe, dass das statuarische Vorbild des Berliner Kopfes in das 4. Jh. v. Chr. zu setzen ist.
Die einzige mir bekannte antike Replik des Kopfes der Berliner Statue ist der maßgleiche und auch in der Wendung übereinstimmende Kopf London Inv. 1786), den Charles Townley frühestens im Jahr 1768 von Gavin Hamilton (via Jenkins?) erworben hat. Die massiven Bohrungen im Haar des Berliner Kopfes erschweren es zwar, die Lockendisposition zu vergleichen, doch lassen sich einzelne genau übereinstimmende Lockengruppen nachweisen.
Der Torso lässt sich einem Typus zuweisen, der an dieser Stelle erstmals vorgestellt werden kann: es handelt sich um die Darstellung eines ohne Pubes gezeigten Jünglings, der in Ermangelung von Attributen und aufgrund der Tatsache, dass der Kopf bei allen bislang bekannten Kopien verloren ist, vorerst namenlos bleiben muss. Das Standmotiv des Typus, den man sich frühestens im späten 4. Jh. v. Chr. entstanden denken möchte, ähnelt dem des Lysippischen Silen mit dem kleinen Dionysos und dem des Marsyas Typus Zagreb; der linke Oberarm führte wie beim Apollon Sauroktonos annähernd waagerecht zur Seite. In Berlin befindet sich neben der Statue in der Antikensammlung SMB-PK noch eine zweite Kopie, der 152 cm hohe „Bacchus im Blauen Kabinett“ in Schloss Tegel, den Caroline von Humboldt im Jahr 1809 in Rom erworben hat (EA 2973). Eine dritte Replik, eine mit einem nicht zugehörigen Kopf ergänzte Statue, befand sich früher in der Slg. Lansdowne und anschließend in der Slg. Karl Bergsten und wird heute im Medelhavsmuseet in Stockholm aufbewahrt (Michaelis 1882, S. 438 Nr. 4; EA 4900; Fuchs 2004, S. 138 mit irriger Deutung als stark vereinfachte Variante des Apollon im Belvedere); sie weist ebenso wie die Statue in der Antikensammlung SMB-PK, ANT eine Chlamys als Zutat des Kopisten auf. Von der Berühmtheit des Typus zeugen außerdem ein entrestaurierter Torso in Neapel (Museo Nazionale, ohne Inv., ex Orti Farnesiani), bei dem es sich um eine Umdeutung als Satyr mit chlamysartig drapiertem Fell handelt (Gasparri 2009, S. 145 f. Nr. 65 Taf. 60 mit irriger Verbindung mit dem Typus des Satyr mit Querflöte), sowie weitere Stücke, bei denen die Zuweisung zum Typus noch geprüft werden muss.

Reception:

Ein Abguss der Statue befindet sich in Dresden, ehemals Slg. Mengs (Kiderlen 2006, S. 246 f. Nr. 112 mit Abb.). Den Kopf hat Cavaceppi einige Jahre nach dem Verkauf in freier Form (nach einem Abguss?) adaptiert für die Ergänzung des Perseus aus der Perseus-Andromeda-Gruppe, die er 1765 an Graf Wallmoden verkauft hat.
Die Berliner Statue Inv. Sk 531 war zunächst in Sanssouci, danach im Marmorpalais in Potsdam aufgestellt. 1830 wurde sie an das Museum abgegeben. (Hüneke 2009, S. 362 Nr. 224)