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104113: Dionysos-Statue

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Dionysos-Statue

Inventory number:

Sk 88

Author:

Klaus Stemmer; Astrid Fendt (Ergänzungen; Inventare; Rezeption)

Provenience:

Fundort unbekannt; aus der Slg. Aldobrandini in Rom 1824 oder 1826 vom Maler Vincenzo Camuccini durch Vermittlung Karl Friedrich Schinkels erworben (Inventar der Skulpturen I, S. 26 Nr. 88; Conze 1891, S. 45 Nr. 88; Vogtherr 1997, S. 167).

Measurements:

H 170,5 cm (H. der Plinthe 8 cm); H. der antiken Statue 141,5 cm (Nacken – Plinthenunterkante); B. 72 cm; T. mit ergänztem Thyrsos 55 cm.

Material/Technique:

Grobkörniger, gelblich-weißer Marmor mit bräunlicher Patina.

Preservation:

Erhalten ist der ganze Torso einschließlich der Armansätze, des im Oberschenkel gebrochenen linken Beines mit der Stütze und des rechten Oberschenkels. Auf der Plinthe hat sich hinter dem linken Fuß noch das Schwanzende des Panthers erhalten, ebenso auf dem Baumstamm der untere Teil des Thyrsosstabs. Die Oberfläche ist an vielen Stellen, besonders aber am rechten Oberschenkel, bestoßen.

Additions:

Ergänzt sind in weiß-grauem, großkristallinen Marmor der Kopf, beide Arme mit den Attributen Schale, Thyrsosstab, Tierfell sowie der obere Abschluss des Baumstammes, in weißem, feinkristallinen Marmor der rechte Unterschenkel mit Knie, der Panther und Teile der Plinthe. Die Oberfläche ist geschliffen und an den Außenkanten der Plinthe gezahnt. (Astrid Fendt)

Inventories/Archival materials:

Inventar der Skulpturen I, S. 26 Nr. 88; GSTA PK, I. HA, Rep. 76 Ve, Sekt. 15 Abt. 1, Bl. 183v; GSTA PK, I. HA, Rep. 89, Nr. 20449, Bl. 166-167. (Astrid Fendt)

Catalogs:

Tieck 1830, S. 6 Nr. 7; Tieck 1832, S. 5 Nr. 7; Gerhard 1836, S. 34 Nr. 7; Verzeichnis 1885, S. 22 Nr. 88; Conze 1891, S. 45 Nr. 88; Kurze Beschreibung 1911, S. 15 Nr. 88.

Bibliography:

Levezow 1828, S. 318; Maviglia 1913, S. 57 f. Nr. 9; Brendel 1932 (zu EA Nr. 3964); Riemann 1979, S. 225−227; Vogtherr 1997, S. 167; Heilmeyer u. a. 2004, S. 61−67 Nr. 6 Abb. 51−56 (Huberta Heres).
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Description:

Der lebensgroße nackte Torso hat ein rechtes Standbein, setzt den linken Fuß so weit zurück, dass dieser nur mit den beiden vorderen Zehen die Plinthe berührt und mit der Sohle auf einer Stütze ruht. Der Körper schwingt leicht zu seiner Linken durch. Der rechte Arm war mit der Schulter gesenkt, der linke war zumindest im Oberarm gesenkt und muss einen Stab gehalten haben, da dessen Unterteil noch auf der Baumstammstütze erhalten ist, die sich unüblicherweise an das Spielbein lehnt. Auf die Brust fällt zu beiden Seiten des ergänzten Halses je eine lange gelockte Haarsträhne herab. Da hinter dem linken Fuß noch der Rest eines Schwanzes zu sehen ist, muss sich neben dem rechten Standbein ein Tier befunden haben, so dass man von der weitgehenden Richtigkeit der Ergänzung ausgehen kann – mit Ausnahme der Nebris über dem linken Arm.

Dating:

Da außer den nackten Körperpartien nur die Reste der Haarlocken einen vagen Anhalt zur Datierung bieten, ist es schwierig, über das Urteil Conzes, dass es sich um eine „gute römische Dekorationsarbeit“ handelt, hinauszugehen.

Interpretation:

Der schlanke, geschwungene und weich modellierte Körper, die langen Locken, der Thyrsosstab und der Panther in der richtigen Ergänzung sichern die Deutung auf einen unbekleideten jugendlichen Dionysos. Zumindest sein statuarisches Schema ist in mehreren Wiederholungen bekannt, die jedoch ein breites Spektrum an Variationen beinhalten. Dabei ist noch nicht geklärt, ob sich einige als genaue Repliken eines klar umrissenen Typus auf ein Vorbild zurückführen lassen. Allen gemeinsam jedenfalls ist, dass Dionysos mit leicht geneigtem Kopf, der mit Efeu- und Weinblättern, Korymben und Weintrauben bekränzt ist, zu seiner Rechten herabblickt. Dort blickt in den vollständigen Fassungen ein Pantherweibchen zum Gott empor, der ihm mit der gesenkten Rechten in einer Schütthaltung aus einem Kantharos oder einer Schale zu Trinken gibt. In der angewinkelten Linken hält er den Thyrsosstab.
Die Tatsache, dass die meisten Wiederholungen die Stütze am Standbein haben (wie auch die Replik Berlin, Antikensammlung SMB, Sk 87), ist für die Rekonstruktion eines Vorbildes unerheblich, da dieses aus Bronze gewesen sein dürfte. Eine Variante zeigt denselben Typus mit Nebris, z. B. die Statue in Dresden, Skulpturensammlung, Inv. Hm 292 (Knoll u. a. 2011, S. 587−592).
Gerade dieser Statuentypus machte es dem antiken Betrachter besonders leicht, das segensreiche Wirken des Gottes in der beständigen Spende des Weines zu erkennen, die sinnbildlich für Wohlstand und Glück stand, sowohl in dieser Welt als auch nach dem Tode. Seine Verständlichkeit machte dieses Bildschema so populär und trug zu seiner Verbreitung in vielen kaiserzeitlichen Varianten bei.

Reception:

Die Statue wurde 1825 von Karl Friedrich Schinkel über den römischen Maler und Kunsthändler Vincenzo Camuccini erworben (Vogtherr 1997, S. 167). Sie stammte aus der Villa Aldobrandini (Heilmeyer u. a. 2004, S. 65 f. [Huberta Heres]).
Im Zuge des Ankaufs wurde der Bacchus von Pietro Tenerani umrestauriert. Davon berichtet Schinkel während seiner zweiten Italienreise am 20.10.1824 aus Rom: „Morgens begab ich mich mit Waagen, die Antiken von Camuccini zu sehen, in die Wohnung des letzteren, dann in sein Atelier bei Strada del Babuino, wo er uns einen schönen antiken Bacchus zeigte, den er für 260 Scudi verkaufen will; der Bildhauer Tenerani restauriert ihn sehr gut für 400 Scudi; weil der Kopf, eine Hand und ein Bein fehlten.“ (Riemann 1979, S. 225) Schinkel sandte gemeinsam mit Gustav Friedrich Waagen am 11.4.1825 eine Liste nach Berlin, auf der sechs Kunstwerke aus dem Besitz von Camuccini verzeichnet waren, deren Ankauf für Berlin wünschenswert wäre. Darauf hatte Schinkel folgende Ergänzungsarbeiten an dem Bacchus notiert; „Kopf, ein Arm und ein Tieger, von dem man Reste auf der Base gefunden von Tenerani unter Thorvaldsens Aufsicht treflich restauriert“. (GSTA PK, I. HA, Rep. 76 Ve, Sekt. 15 Abt.1, Bl. 183v, zitiert aus Heilmeyer u. a. 2004, S. 67 Anm. 5 [Huberta Heres]) Nicht bei Schinkel erwähnt sind der zweite Arm und der rechte Unterschenkel mit Knie, die aufgrund der verwendeten Materialien und des Bildhauerstils ebenfalls von Tenerani ergänzt worden sein müssen (Heilmeyer u. a. 2004, S. 66 [Huberta Heres]). Tenerani benutzte die alten Klammerbettungen der Erstergänzung bei der Neumontage seiner Ergänzungen nicht mehr. Er schloss sie mit Marmorvierungen. Insgesamt wurden die Ergänzungen passgenau angesetzt. Jedoch wurde an mehreren Stellen beiderseits der Fugen die antike Oberfläche beschliffen. (Heilmeyer u. a. 2004, S. 66 [Huberta Heres]) Eine optische Angleichung der Ergänzungen an den antiken Bestand mit seiner bräunlichen Patina wurde durch eine partielle Einfärbung der Neuteile vorgenommen. Das rechte Bein wurde mit Hilfe von inselartig gruppierten Spitzeisenhieben künstlich gealtert. (Heilmeyer u. a. 2004, S. 22 [Huberta Heres])
Anhaltspunkte für die Vervollständigung der fehlenden Gliedmaßen und Attribute gaben am Original befindliche Reste wie die noch erhaltenen Lockenenden auf der rechten und linken Schulter, der Schaft des Thyrsosstabes am Baumstumpf und das Ende des Pantherschweifs auf dem antiken Teil der Plinthe. Auch die Ergänzung des Torsos mit gesenktem rechtem Arm und nach rechts geneigtem Kopf traf nach Huberta Heres in etwa die ursprüngliche Körperhaltung. Jedoch wird der Gott, so Heres, ursprünglich rechts eine Traube oder einen gekippten Kantharos gehalten haben, aus dem er den Panther tränkte. Möglich sei auch, dass in der Antike über dem erhobenen linken Arm wie jetzt ein Tierfell hing. Dafür spreche ein im linken Armansatz des antiken Korpus erhaltenes, heute nicht mehr verwendetes, sehr großes, wohl antikes Dübelloch. (Heilmeyer u. a. 2004, S. 65 [Huberta Heres]) Anregungen für die Ergänzungen könnte sich Tenerani von verschiedenen, sich damals in Rom befindlichen Bacchusdarstellungen geholt haben (bspw. Rom, Vatikan, Museo Chiaramonti, Inv. 298: Andreae 1995, Taf. 257−259 [die stark ergänzte Statue war vor 1804 von Carlo Albacini erworben worden]). Zudem hatte Aloys Hirt in seinem Bilderbuch für Mythologie, Archäologie und Kunst den Kopf eines „jugendlichen, thebanischen Bacchus“ abgebildet (Hirt 1805, S. 78 Taf. 10,1), der typologisch mit dem von Tenerani ergänzten Kopf verwandt ist (Wrede 2006, S. 232). Tenerani arbeitete, wie Schinkel berichtete, unter der Anleitung von Bertel Thorvaldsen an dem Berliner Bacchus. Auch zeitgenössische Werke seines Lehrers wie eine 1804 als Gipsabguss hergestellte Statue oder eine ins Jahr 1807 zu datierende Kreidezeichnung eines Bacchus könnten ihn zu seinem Motiv inspiriert haben (Heilmeyer u.a. 2004, S. 67 Anm. 8 [Huberta Heres]).
In Berlin wurde die Statue mit ihren Ergänzungen wohlwollend aufgenommen. Konrad Levezow beschrieb den Bacchus 1828: „Nackter, stehender Bacchus, [...] zu seinen Füßen ein sitzender Panther, der lüstern den Rachen aufsperrt nach dem Inhalt der Schale, welche der Gott in der Rechten hält; die Linke hat den Thyrsus gefasst. Der Körper ist mit außerordentlicher Weichheit behandelt.“ (Levezow 1828, S. 318) Die aktuell ergänzte Statue wurde 1830 prominent in der „Rotunde“ des Königlichen Museums in Berlin direkt neben der ebenfalls von Schinkel erworbenen und von Tenerani ergänzten Venus Felix ( SMB−PK, ANT, Inv. Sk 34) aufgestellt (Tieck 1830, S. 6 Nr. 7). Eduard Gerhard schätzte den Bacchus als „schöne Figur“. Offensichtlich war ihm der Unterschied zwischen alt und modern in manchen Bereichen nicht mehr ganz klar: „Der mit Efeukranz und Stirnbinde geschmückte Kopf scheint bis mitten auf den Hals neu zu sein; doch sind die Locken über der Schulter alt.“ Sicher war er sich in der Ergänzung beider Arme, deren Ausrichtung er für begründet hielt: „Die Arme sind neu samt den Attributen; doch ist die Senkung des rechten Armes, die Erhebung der rechten Schulter und die Ergänzungen des Thyrsus hinlänglich begründet, von welchem letzteren das Untertheil samt dem größten Theile des Baumstammes alt ist.“ (Gerhard 1836, S. 34 Nr. 7)
In den Katalogen des späten 19. Jahrhunderts wurde die Statue als „gute römische Dekorationsarbeit“ aufgefasst (Conze 1891, S. 45 Nr. 88). Spätestens 1885 nahm man sie aus der „Rotunde“ heraus und stellte sie in das Kompartiment XIII des „sog. Heroensaales“ auf. Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits bemängelt, dass sie „sehr stark ergänzt“ sei. Sie galt als „eine der Wiederholungen von Nr. 87“ ( SMB−PK, ANT, Inv. Sk 87), einer in ihrem antiken Bestand besser erhaltenen Statue des jugendlichen, sich ausruhenden Bacchus. (Verzeichnis 1885, S. 22 Nr. 88) Wohl aus diesem Grund wurde im frühen 20. Jahrhundert lediglich der Bacchus Inv. Sk 87 weiterhin ausgestellt, während Inv. Sk 88 spätestens 1922 magaziniert gewesen ist. Materielle Veränderungen scheinen an der Statue im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht vorgenommen worden zu sein.

Restaurierung 1998, Hanno Thate (Dokumentation vorhanden): Demontage, Reinigung, Montage unter Beibehaltung der Marmorergänzungen, Retusche. (A. Fendt)