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104067: Torso und Kopf des Apollo Lykeios

Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung Berlin

Catalog text

Name:

Torso und Kopf des Apollo Lykeios

Inventory number:

SK 44

Author:

Johannes Lipps; Astrid Fendt (Rezeption)

Provenience:

1766 in Rom durch Bianconi für Friedrich II. erworben und mit Exportgenehmigung am 23.12.1768 nach Potsdam gebracht. FO und AO unbekannt (Hüneke 2009, S. 403 f. Nr. 257 [U. Müller-Kaspar]).

Dimensions:

H. 240 cm; B. 95 cm; T. 82 cm; Gesicht (Haaransatz bis Kinn) 20 cm; äußerer Augenabstand 11 cm.

Material and technique:

Der Torso besteht aus weißem, feinkristallinem Marmor mit schwarzer Äderung, der Kopf aus weiß-gelblichem, feinkristallinen Marmor.

Condition:

Antik ist nur der Torso inklusive rechtem Oberschenkel und rechtem Oberarm sowie der nicht zugehörige aber ebenfalls antike Kopf. Die Oberflächen des Torsos sind an der Vorderseite überschliffen, der Kopf vor allem im Gesicht verwittert.

Completions:

Baumstamm mit Kithara und Gewand, linkes Bein, rechter Unterschenkel, Füße, Plinthe, Geschlechtsteile, linker Arm und rechter Unterarm mit Hand modern ergänzt. Außerdem wurde dem Torso nach einem schmalen Zwischenstück am Hals ein antiker aber nicht zugehöriger Kopf aufgesetzt, dem Nase und Lippen ebenfalls ergänzt wurden. Die Spitzhiebe auf den Beinen stammen von von Christian Daniel Rauch. Die Oberfläche ist geschliffen und partiell künstlich gealtert.

Inventare/Archivalien:

Inventar der Skulpturen I, S. 14 Nr. 44.
GStA PK, I. HA, Rep. 89, Nr. 20451, Bl. 107v Nr. 7 („Apollo Citharoedus“); SPSG, Hist. Akten Nr. 155, Bl. 21r Nr. 14. 7 („Apollo Citharoedus“); SMB-PK/ZA, NL Rauch C.I.20, Bl. 27–37. 70 Nr. 10 (“Apollo Cytharoedus Colosal“).

Catalog:

Oesterreich 1774, S. 36 Nr. 321; Tieck 1830, S. 7 Nr. 14; Tieck 1832, S. 6 Nr. 11; Gerhard 1836, S. 35 Nr. 11; Verzeichnis 1885, S. 12 f. Nr. 44; Conze 1891, S. 23 Nr. 44; Kurze Beschreibung 1911, S. 10 Nr. 44; Kurze Beschreibung 1922, S. 16 Nr. 44; Blümel 1938, S. 19 K. 237 Taf. 39; Hüneke 2009, S. 403 f. Nr. 257 (Ulrike MüllerKaspar).

Literature:

Levezow 1822, S. 369 f. Nr. 43; Clarac III 1834, S. 311 Nr. 921 C Taf. 540; Eggers 1878, S. 286; Roscher 1884a, S. 460 f. m. Abb. ; Kekulé von Stradonitz 1922, S. 258; Howard 1982, S. 259 Nr. 20; Riedl 1995, S. 236238.; Heilmeyer u. a. 2004, S. 9 f. Abb. 7; Scholl Platz-Horster 2007, 201 f. Nr. 120 m. Abb. (Annika Backe−Dahmen); Fendt 2012, 201206 Nr. 46 Taf. 70, 5 f.; 71, 14; 72 1 f.

Nagele 1984; Milleker 1986; Schröder 1986; Schröder 1989; Fuchs 1992, S. 219224; Vorster 1993, S. 5860 Nr. 23; Maderna Lauter 1994, S. 8693 Nr. 418; Herzog 1996, S. 107110; Angelicoussis 2001, S. 86 f. Nr. 5; Schröder 2011.
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Description:

Zu sehen ist ein nackter, jugendlicher Apollon mit s-förmigem Körperschwung. Das rechte Bein dient als Standbein, das linke ist entlastet. Es ist leicht nach vorn gestellte und ist mit ganzer Sohle aufgesetzt. Dafür stützt er sich mit dem linken Arm auf einer modern ergänzten Stütze ab und hält eine ebenfalls modern ergänzte Kithara. Er ist bartlos und trägt lange im Nacken zu einem Schopf aufgebundene Haupthaare mit einem dicken Scheitelzopf. Der rechte Arm ist erhoben und ruhte nach Ausweis zahlreicher Repliken auf dem Kopf.

Dating:

In Ermangelung des Fundorts und anderer außerstilistischer Anhaltspunkte muss die Datierung der Statue ausschließlich auf einer stilistischen Analyse und Formvergleichen beruhen. Eine ausführliche und vergleichende Stilanalyse mit dem Ziel die Repliken des vorliegenden Statuenschemas zu datieren, wurde bislang nicht unternommen (am ausführlichsten Nagele 1984). Die meisten der oben genannten Autoren sprechen sich jedoch für eine Entstehung des Torsos in hadrianische Zeit und eine Datierung des Kopfes in flavische Zeit aus (zuletzt Hüneke 2009, S. 403 f. [Ulrike MüllerKaspar]). Die Datierung des Torsos beruht auf der Ausführung der Oberflächen, die in großen Teilen verhältnismäßig undifferenziert ist und einzelne Bereiche nur wenig markant voneinander abgrenzt. Die runde und volle Formgebung des Kopfes sowie die hervortretenden und in zurückhaltend, wenig scharfkantig formulierten Lidern ruhenden Augäpfel weisen u. a. auf eine frühere Datierung des Kopfes hin.
Die Entstehung der mutmaßlichen Vorlage wird von wenigen Ausnahmen abgesehen (s. Interpretation) plausibel im 4. Jh. v. Chr. angenommen.

Generation:

Die Statue gehört einem Schema an, dessen Vorlage von Visconti 1831 durch die Verknüpfung mit einer Textstelle bei Lukian (Anarchasis 7) als Apollon Lykeios identifiziert wurde. Ausschlaggebend ist Lukians Beschreibung des rechten, über den Kopf zurück gelegten Arms, der Apollo (so Lukian) wie nach großer Anstrengung ausruhend zeigt. Dem Schema gehört eine kaum überschaubare Anzahl antiker Statuen an, von denen mindestens dreißig besonders enge formale Übereinstimmungen untereinander aufweisen (Replikenlisten bei Klein 1898, S. 162165 Anm. 1; Deubner 1934, S. 62 f.; Nagele 1984, S. 7994; Schröder 1986, S. 183 f.; Milleker 1986. Zu den freieren Varianten: Schröder 1989).
Seit den 1980er Jahren gibt es keine übergreifende Zusammenstellung und Besprechung der Stücke, die aufgrund der umfangreichen Neupublikationen öffentlicher und privater Sammlungen (Fuchs 1992, S. 219224; Vorster 1993, S. 58 Nr. 3; Maderna-Lauter 1994, 8693; Angelicoussis 2001, S. 856 f. Nr. 5; Schröder 2011, S. 545-549) längst als Desiderat gelten darf.
Die Existenz einer spätklassischen Vorlage, die seit den 1980er Jahren immer wieder bezweifelt wurde (Nagele 1984, Landwehr 1998, S. 164 Anm. 132), wird meist aufgrund der Stilformen und athenischer Münzbilder (Herzog 1996, S. 107110) angenommen. Die Vorlage dürfte dann dem fortgeschrittenen 4. Jh. v. Chr. entstammen (Borbein 1973, S. 154 f.; Schröder 2011, S. 545) und – akzeptiert man die Verknüpfung des Statuenschemas mit Lukian – ursprünglich im Lykeion in Athen aufgestellt gewesen sein. Einer ansprechenden, wenngleich nicht belegbaren These Stephan Schröders 1986 und 1989 zufolge könnte die Statue im Rahmen der Lykurgischen Baumaßnahmen in den Jahren 336/335 v. Chr. als Kultbild der Anlage geschaffen worden sein. Die vorgeschlagene Rekonstruktion (Schröder 1986) vor einem mit einem Dreifuss bekrönten Pfeiler lässt sich aus den Funden jedoch nicht ableiten (s. die Kritik bei Fuchs 1992, S. 220). Einem literarisch überlieferten Bildhauer lässt sich die Statue nicht zuweisen. Praxiteles und Euphranor wurden dafür vorgeschlagen (Schröder 2011).
Verwendung und Bedeutung der formal getreuen Statuen in der römischen Welt wurden bislang kaum erforscht. Allerdings sind auch nur bei wenigen Stücken Aussagen über den antiken Aufstellungskontext möglich.
Die Rezeption des Statuenschemas mit über den Kopf gelegtem Arm wurde hingegen ausführlich durch Schröder 1989 untersucht. Das Schema findet in immer wieder neuen Versionen über die gesamte Antike hinweg Verbreitung und zwar sowohl für Apollon- als auch für Dionysosstatuen.

Reception:

Die Statue wurde 1766 auf Vermittlung von Giovanni Ludovico Bianconi für Friedrich II. in Rom erworben und nach Erhalt der Exportgenehmigung am 23.12.1768 nach Potsdam gebracht. Vor 1772 wurde sie gemeinsam mit 13 anderen Figuren im Halbrund vor dem Neuen Palais aufgestellt (Conze 1891, S. 23 Nr. 44; Hüneke 2009, S. 403 Nr. 257 [U. Müller-Kaspar]). Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig von Bartolomeo Cavaceppi ergänzt und mit dem antiken, aber nicht zugehörigen Kopf versehen (Howard 1982, S. 259 Nr. 20; Stemmer 1995, S. 236 [Nadine Riedl]; Kansteiner 2003, S. 48). Konrad Levezow hatte die Figur 1822 in seine Liste der „vorzüglichen“ Antiken aufgenommen und folgendermaßen beschrieben: „Die kolossale Statue des sogenannten Apollo Lycius mit rechtem, auf den Kopf gelegten Arme. Er hält in der linken Hand die Zither und hat sich an einen Tronk gelehnt, [...].“ (Levezow 1822, S. 369 Nr. 43) Eine Abbildung dieses ersten Ergänzungszustandes ist nicht überliefert. Im Vorfeld der Einrichtung des Königlichen Museums wurde die Statue in der Werkstatt von Christian Daniel Rauch vom 13.5.1826 bis 31.3.1827 in einer aufwändigen Maßnahme für 539.14.0 Thaler umrestauriert (SMB-PK/ZA, NL Rauch, C.I.20, Bl. 27–37. 70 Nr. 10; dazu auch Eggers 1878, S. 286). Das geht bereits aus den von Aloys Hirt und Rauch 1824 erstellen Listen zur Vorbereitung der Restaurierungskampagne hervor (GStA PK, I. HA, Rep. 89, Nr. 20451, Bl. 107v Nr. 7; Bl. 108r; SPSG, Hist. Akten Nr. 155, Bl. 21r Nr. 14. 7). Dabei wurden – abgesehen von der Halsscheibe – alle alten Ergänzungen von Cavaceppi entfernt und durch neue ersetzt. Als Dübel- und Klebematerialien wurden geschmiedetes und verzinntes Eisen, Messing, Kolophonium, Blei und Gips verwendet. Alle Ergänzungen wurden mit inselartig angebrachten Spitz- oder Stockhammerhieben künstlich gealtert und wohl mit einem Wachsüberzug behandelt. (s. Restaurierungsdokumentation Haug – Weiß 2002). Vergleicht man die Beschreibung von Konrad Levezow aus dem Jahr 1822 mit dem Zustand nach der Umrestaurierung 1826–1827, also dem heutigen Zustand, so dürfte der Apollon beide Male ähnlich ergänzt gewesen sein und es müssen wohl vordringlich Gründe der Verwitterung und Instabilität für diese vollständige Erneuerung der Ergänzungen in der Rauch-Werkstatt gesprochen haben. Als grundsätzliches Vorbild könnte Rauch der Apollon mit Kithara in den Kapitolinischen Museen in Rom (Sala del Gallo Morente, Inv. 736; Helbig4 II, S. 232 f. Nr. 1426; Winckelmann 2003, S. 371 Nr. 131, S. 38 m. Abb.) gedient haben. Dieser wird heute als „Umbildung des Lykeios“ angesehen und war spätestens seit dem 18. Jahrhundert ausgestellt. Von1797 bis 1815 befand er sich als Beutekunst in Paris. Vor allem die Haltung des rechten Armes und der geziert gespreizten Finger scheinen der römischen Statue direkt entlehnt zu sein. Dabei ist gerade diese Partie im 18. Jahrhundert von Cavaceppis Lehrer Napolioni ergänzt worden. Nicht übernommen hat Rauch den, an der Figur im Kapitol partiell noch antik vorhandenen, Greifen als Begleittier des Gottes und die ornamental gestaltete Kithara. In der Rauch-Werkstatt wurde eine schnörkellose, geradlinige Form des Instrumentes gewählt, wie sie auf mehreren Abbildungen im „Millin“, den Rauch als Vorlagenbuch in seiner Werkstatt benutzte, in anderen Zusammenhängen zu finden ist (Millin 1836, Taf. XIV Nr. 97, Taf. LXIX Nr. 272, Taf. CX Nr. 431).
1830 wurde die Statue als ‚Apollo citharoedus’ in der Rotunde des Königlichen Museums aufgestellt, wo sie auch das gesamte 19. und frühe 20. Jahrhundert hindurch verblieb (Tieck 1832, S. 6 Nr. 11). 1854 stellte man eine von Eduard Stützel gefertigte Kopie der Figur im Halbrund vor dem Neuen Palais auf. Mitte der 1880er Jahre wurde die Berliner Statue zur Illustration des Typus des Apollon Lykeios in „Roschers Lexikon der Griechischen und Römischen Mythologie“ von 1884–1886 verwendet, allerdings nur mit der Ergänzung des rechten, auf dem Kopf aufliegenden Armes und der beiden Beine. Der ergänzte linke Arm mit der Kithara sowie die Partie des Baumstammes mit dem Gewand waren auf der Abbildung weggelassen worden mit dem Verweis auf literarische und numismatische Quellen, in denen der Apollon Lykeios mit einem Bogen in der linken Hand beschrieben wird. In diesem Fall fand eine Entrestaurierung auf dem Papier, nicht jedoch am materiellen Bestand statt. (Roscher 1884a, S. 460 f. m. Abb.). Eine weitere Restaurierung fand 2001–2002 durch Katrin Haug und Thorsten Weiß statt (Dokumentation vorhanden): Dazu zählten die Demontage, Reinigung, Montage unter Beibehaltung der Marmorergänzungen und eine Retusche.“