Jörn Lang, “Mit Wissen geschmückt?”. Zur bildlichen Rezeption griechischer Dichter und Denker in der römischen Lebenswelt (Wiesbaden 2012)

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Der Kontakt zwischen griechischer und römischer Kultur stand immer wieder im Fokus historischer und archäologischer Betrachtungen, denn das Ausgreifen Roms in den östlichen Mittelmeerraum im 2. Jh. v. Chr. führte zu einem kontinuierlichen Austauschverhältnis zwischen Griechenland und Rom. Die Arbeit ist einem Teilphänomen dieses komplexen Verhältnisses gewidmet: der Rezeption griechischer Bildung und ihrer visuellen Präsenz im römischen Alltag.
Im Anschluss an bisherige Arbeiten, in denen v.a. lebensgroße Marmorbildwerke im Vordergrund standen, liegt der Fokus auf formatreduzierten Darstellungen, die auf ihre Qualitäten als kulturelle Ausdrucksform des Bildungsdiskurses und dessen bildliche Transformation untersucht werden. Die Arbeit stellt eine Verbindung aus systematisch materialorientierter Analyse der quantitativ bedeutendsten Gattung der Ringsteine und einer funktionsbezogenen Analyse der kleinformatigen Bildwerke insgesamt dar. In Bezug auf die Zielsetzung und die Leitfragen sind drei Ebenen zu unterscheiden. Die erste, materialorientierte Ebene bildet die ikonographische und typologische Untersuchung der Ringsteine. Anschließend wird den konkreten Erscheinungsformen nachgegangen, in welchen die Darstellungen bildlich-funktional in den römischen Alltag integriert und in alltäglichen Situationen rezipiert werden konnten. In einem dritten Schritt wurden auf der Materialbasis, mit der traditionelle Gattungsgrenzen überschritten werden, kulturhistorische Fragestellungen an das Material herangetragen.
Als Darstellungsarten konnten neben Individual- auch Rollenporträts griechischer Dichter und Denker sowie Visualisierungen von Gedankengängen in typisierter Form nachgewiesen werden. Diese unterschiedlichen Umsetzungen reflektierten je auf ihre eigene Weise die ihnen zugrunde liegenden Sichtweisen auf geistige Tätigkeit. Die Gattungen, in denen die genannten Darstellungen in unterschiedlichen Größen rezipiert wurden, sind vielfältig, am häufigsten sind sie in der Glyptik und der Rundplastik belegt, seltener auf Silber- und Tongeschirr, Öllampen oder in Form von Appliken an Möbeln. Auch unter Berücksichtigung des Zufalls der Überlieferung, der sich in den einzelnen Gattungen unterschiedlich auf die Quantität der erhaltenen Artefakte ausgewirkt haben dürfte, war kein bestimmter Philosoph, Dichter, Redner oder Darstellungsschema in allen untersuchten Gattungen gleichermaßen dominierend. Der heterogene Charakter der materiellen Hinterlassenschaft betrifft demnach sowohl die Kunstgattungen als auch einzelne Personen oder Bildtypen.

Im online-Katalog wird erstmals der Bestand der Rezeptionsmedien zum Diskursfeld griechischer Bildung abseits der gut dokumentierten lebensgroßen Skulpturen systematisch zusammengestellt und in diesem Zusammenhang die Materialgruppe der Gemmen und Kameen photographisch und wissenschaftlich erschlossen. Durch den ausführlichen dokumentarischen Teil werden im online-Katalog die Grundlagen der interpretativ-hermeneutischen Ergebnisse nicht nur offengelegt, sondern für übergeordnete kulturwissenschaftliche Fragestellungen weltweit frei zugänglich zur Verfügung gestellt.
Der Katalog ist – wie die stark gekürzte Druckversion – nach den Materialgattungen Glyptik/Siegelabdrücke, Reliefplastik, rundplastische Skulpturen und Varia (Gerätbronzen, Toreutik, Tonlampen) gegliedert. In einer sekundären Codierung erfolgt eine Unterteilung nach Porträts und typisierten Darstellungen, beginnend mit den benannten Bildnissen sowie typologisch eng verwandten Stücken. Die unbenannten Porträts sind jeweils am Ende aufgeführt. Es folgen die typisierten Darstellungen. Innerhalb dieser Ordnung sind die Stücke fortlaufend alphanumerisch nach den Aufbewahrungsorten angeordnet. Alle Stücke, die im Original untersucht werden konnten, sind mit “vidi” gekennzeichnet.